Think Tank · Lange Linien · Teil III von V
Die lange Linie
Räumlich-zeitliche Chronik mit interaktiver Karte. Eine Karte der westlichen Selbsterosion von 1953 bis heute — Mossadeq, Schweinebucht, Vietnam, Khmer Rouge, Lumumba, Allende, Vukovar, Kosovo, Abu Ghraib, Tian’anmen, Ruanda, Srebrenica, der arabische Frühling, Rabia, Hongkong, Belarus, 2016, die Ukraine, Kabul, DOGE.
Ein Begleitessay zur Karte
I. Was diese Karte zeigt
Die meisten politischen Chroniken arbeiten mit einer stillen Annahme: dass Geschichte aus Einzelereignissen besteht, die je für sich erklärt werden können. Ein Putsch hier, ein Krieg dort, eine Wahl, ein Fall einer Mauer, eine Annexion. Jedes Ereignis hat seinen eigenen Kontext, seine eigenen Akteure, seine eigene Kausalkette. Wer eines davon verstehen will, liest die Monografie über genau dieses Ereignis und ist dann klüger.
Diese Karte arbeitet mit einer anderen Annahme. Sie geht davon aus, dass die Ereignisse, die auf ihr verzeichnet sind, nicht nebeneinander stehen, sondern in einer Linie. Dass Operation Ajax 1953 in Teheran und die DOGE-Verfügung 2025 in Washington nicht zwei getrennte Geschehnisse sind, sondern Punkte derselben Bewegung. Dass das, was wir als Krise der Gegenwart erleben, keine Krise ist, sondern das Sichtbarwerden einer Erosion, die seit über siebzig Jahren läuft — mit einer einzigen großen Atempause, die wir 1989 genannt haben.
Diese Annahme ist nicht selbstverständlich. Sie wird in der politischen Standardliteratur kaum vertreten, weil sie unbequem ist. Sie verlangt, dass der Westen sich selbst nicht als unschuldigen Beobachter einer Welt versteht, die zunehmend instabil wird, sondern als Akteur, der diese Instabilität in vielen Fällen mit hervorgebracht hat. Sie verlangt, dass die Erzählung von 1989 als Triumph der offenen Gesellschaft mit der Erzählung von 1953, 1954, 1965, 1973 zusammen gelesen wird — mit allen Vorgängen, in denen genau diese offene Gesellschaft demokratisch gewählte Regierungen außerhalb des eigenen Raums gestürzt oder mitgestürzt hat. Sie verlangt, dass das Versprechen der Universalität, das 1989 in der Welt war, an seinem Verhalten gegenüber dem Arabischen Frühling 2011 bis 2014 gemessen wird — und dass dieses Verhalten als das gelesen wird, was es war: eine Selbstpreisgabe.
Was diese Karte zeigt, ist also nicht Geschichte als Aneinanderreihung, sondern Geschichte als Gewebe. Wer ein Ereignis verstehen will, muss die anderen mitsehen. Wer Mossadeq versteht, hört auf, sich über 1979 zu wundern. Wer Rabia versteht, hört auf, sich über 2016 zu wundern. Wer 2016 versteht, hört auf, sich über 2025 zu wundern.
Die Karte zeigt eine Linie. Sie zeigt sie räumlich, weil die Bewegung nicht in einem Land stattgefunden hat, sondern auf einem Globus. Sie zeigt sie zeitlich, weil die Bewegung sich über Jahrzehnte erstreckt. Sie zeigt sie kategorial, weil nicht jeder Punkt dasselbe bedeutet — manche sind Schließungen, manche Öffnungen, manche Wenden. Aber sie zeigt vor allem, dass die Punkte zusammenhängen, und sie überlässt es der Leserin, in diesem Zusammenhang zu lesen, was sie liest.
Was hier nicht eingezeichnet ist — der Prager Frühling 1968, die sowjetische Afghanistan-Invasion ab 1979, die parallele Linie eines östlichen Imperiums, das seine eigene Selbsterosion betrieb — fehlt nicht aus Unaufmerksamkeit. Es bildet eine eigene Linie, deren Beschreibung gleiche Aufmerksamkeit verdiente, hier aber nicht das Thema ist. Diese Karte beschränkt sich auf die Erosion, die der Westen sich selbst zugefügt hat, weil eine Linie, die alles enthält, keine Linie mehr ist.
Was ebenfalls nicht eingezeichnet ist, ist die parallele Linie der westlichen Selbsterneuerung in denselben Phasen — die amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre, die zweite Welle der Frauenbewegung, die internationale Anti-Apartheid-Mobilisierung, die mit den Sanktionen der späten 1980er Jahre zur Beendigung des Regimes beitrug, die institutionelle Architektur der europäischen Einigung von Rom 1957 über Maastricht 1992 bis zu den Erweiterungen 2004 und 2007. Diese Linie verläuft gleichzeitig mit der hier gezeichneten; sie unterbricht sie nicht, sie ergänzt sie. Eine vollständige Karte würde beide enthalten. Diese hier zeichnet die eine, weil sie die ist, die weniger oft gezeichnet wird.
Eine weitere parallele Linie wird hier nicht eingezeichnet, obwohl sie für das Verständnis der Gegenwart wesentlich ist: die ökonomische Konvergenzbewegung der letzten dreißig Jahre. Während diese Karte die geopolitische Erosion zeichnet, hat Branko Milanovic in The Great Global Transformation von 2025 die ökonomische Gegenbewegung beschrieben — die Ungleichheit zwischen den Ländern fällt seit etwa 1990 dramatisch, weil Asien aufholt; die Ungleichheit innerhalb der westlichen Länder steigt im selben Zeitraum wieder auf das Niveau von etwa 1870. Beide Linien laufen parallel; beide bedingen einander teilweise. Die Einleitung zu dieser Reihe entwickelt den Doppelblick ausführlicher.
Der Einwand gegen die Linie
Hier ist der härteste Einwand gegen diese Karte zu nennen, nicht um ihn zu entkräften, sondern weil eine Sehweise, die ihn nicht erträgt, keine ist. Der Einwand lautet: Eine Chronik, die ihre Ereignisse danach auswählt, ob sie eine Linie ergeben, wird immer eine Linie zeigen. Wer Mossadeq, Árbenz und Allende nebeneinanderstellt und die Gegenfälle weglässt — die Interventionen, die unterblieben, die Diktaturen, die der Westen nicht stützte, die Selbstkorrekturen, die gelangen —, hat das Muster nicht gefunden, sondern hergestellt. Die Formel wer X versteht, hört auf, sich über Y zu wundern ist rhetorisch verführerisch und genau deshalb verdächtig: Sie lässt sich auf fast jede Reihe von Ereignissen anwenden und ist gegen kein Gegenbeispiel anfällig, weil jedes Gegenbeispiel als weiterer Punkt derselben Linie umgedeutet werden kann. Eine Erzählung, die nichts widerlegen kann, erklärt auch nichts.
Der Einwand trifft etwas Richtiges, und er begrenzt, was diese Karte behaupten darf. Sie ist kein Kausalbeweis. Sie zeigt nicht, dass Operation Ajax 1953 die DOGE-Verfügung 2025 verursacht hat, und sie behauptet keine Notwendigkeit, wo Kontingenz war. Was sie behauptet, ist schwächer und überprüfbarer: dass eine bestimmte Auswahl von Ereignissen, einmal nebeneinandergelegt, ein wiederkehrendes Verhaltensmuster sichtbar macht — dieselbe Sicherheitslogik, dieselbe Asymmetrie zwischen Anspruch und Handeln, dieselbe verspätete Aufklärung —, und dass dieses Muster sich nicht in beliebige andere Auswahlen übersetzen lässt. Die Probe darauf ist nicht, ob die Linie elegant ist, sondern ob die einzelnen Punkte einer Prüfung standhalten und ob das Muster auch dort wiederkehrt, wo man es nicht sucht. Die Karte macht ihre Auswahl deshalb ausdrücklich — sie nennt, was sie nicht zeigt —, und sie stützt sich, wo es um die ökonomische Tiefenstruktur geht, nicht auf das eigene Muster, sondern auf Milanovics unabhängig erhobene Verteilungsdaten. Eine Sehweise, die ihre eigene Auswahl offenlegt und sich an einer fremden Empirie misst, ist nicht dasselbe wie eine, die ihr Ergebnis voraussetzt. Wer ihr nicht folgt, soll die Gegenlinie zeichnen; die Karte verliert nichts, wenn neben sie eine andere tritt.
Ein zweiter Einwand betrifft die kategoriale Heterogenität der gewählten Ereignisse. Ein verdeckter Putsch (Mossadeq 1953), ein Mord an einem Premierminister (Lumumba 1961), ein militärisches Massaker an Sitzdemonstranten (Rabia 2013), ein Genozid an wehrlosen Männern und Jungen (Srebrenica 1995), eine demokratische Wahl mit ihrem Ergebnis (2016) — das sind kategorial sehr verschiedene Vorgänge, und sie alle unter eine einzige Linie zu zwingen droht die Spezifik jedes einzelnen unsichtbar zu machen. Auch dieser Einwand trifft. Die Karte versucht ihm mit kategorialer Differenzierung zu begegnen — Schließung, Öffnung, Wende —, ohne damit zu behaupten, alle Punkte seien dasselbe. Mossadeq ist nicht Srebrenica; Rabia ist nicht 2016. Aber alle zeigen einen Moment, in dem die rhetorische Selbstdarstellung des Westens und seine reale Handlungslogik auseinandertraten — oder die Korrektur dieses Auseinandertretens unterblieb. Was hier behauptet wird, ist eine wiederkehrende Familienähnlichkeit der Vorgänge, nicht eine Identität der Fälle. Wer die Differenzen für gewichtiger hält als die Ähnlichkeit, hat eine strengere Lesart und mag sie ausführen; die Karte besteht nicht darauf, die einzige Sehweise zu sein.
II. Die erste Phase, 1953 bis 1979
Die Linie beginnt 1953 — nicht weil das ein willkürlich gewähltes Datum wäre, sondern weil Operation Ajax die erste verdeckte Aktion der CIA gegen eine demokratisch gewählte Regierung außerhalb der Vereinigten Staaten war. Und sie war kein Zwang. Es gab keine Pflicht, sie zu führen. Es gab keine ideologische Notwendigkeit. Mossadeq war kein Kommunist, er war ein nationalistischer Liberaler aus altem Familienadel, ausgebildet in der Schweiz, in der westlichen Tradition. Was er getan hatte, war, die Anglo-Iranian Oil Company zu verstaatlichen — ein Vorgang, der nach den Maßstäben des damaligen Völkerrechts und des nachkriegsdemokratischen Selbstverständnisses zulässig war.
Der Westen entschied anders. Eisenhower, gerade ins Amt gekommen, gab grünes Licht. Churchill, der die britischen Ölinteressen vertrat, drängte. Die Operation Ajax wurde ein Erfolg im taktischen Sinn: Mossadeq fiel, der Schah kam zurück, die Ölverträge wurden gerettet. Sie wurde ein Desaster im strategischen Sinn: Sie produzierte über fünfundzwanzig Jahre die Bedingungen für die Iranische Revolution, die wiederum die Bedingungen für vier Jahrzehnte regionaler Konflikte produzierte, die wiederum die Bedingungen für den arabischen Frühling und seine Niederschlagung produzierten.
Aber das war 1953 noch nicht zu sehen, und es interessierte auch niemanden, weil der Vorgang geheim war. Erst im Jahr 2000 hat die CIA ihre Beteiligung offiziell anerkannt. Erst 2013 wurden die vollständigen Akten freigegeben. Sechzig Jahre lang konnte die westliche Selbsterzählung bestehen, ohne mit ihrem eigenen Anfangspunkt konfrontiert zu werden. Diese sechzig Jahre sind keine Anekdote der Diplomatiegeschichte. Sie sind die Bedingung, unter der überhaupt eine Erzählung der westlichen Werteuniversalität aufgebaut werden konnte. Hätte man 1953 öffentlich gewusst, was 1953 geschah, wäre 1989 nicht möglich gewesen, jedenfalls nicht in der Form, in der es geschah.
Was nach 1953 kam, war eine Wiederholung. 1954 Guatemala, mit derselben Methode, im Auftrag derselben Sorte von Wirtschaftsinteressen — diesmal die United Fruit Company, deren Anwälte zufällig auch Außenminister John Foster Dulles und CIA-Direktor Allen Dulles waren. Árbenz fiel, eine vierzigjährige Bürgerkriegsphase begann, in der über 200.000 Menschen starben, überwiegend indigene Maya, ermordet von Regimes, die der Westen unterstützte. Es war derselbe Vorgang, derselbe Mechanismus, dieselbe Logik. Aber er erschien nicht als Wiederholung, sondern als Einzelfall, weil die Verbindung zu Mossadeq nicht öffentlich war.
1956 dann der Doppelschlag, der das Jahrzehnt definiert. In Budapest schlugen sowjetische Panzer den ungarischen Aufstand nieder. In Suez landete eine britisch-französisch-israelische Streitmacht, um den Suezkanal nach seiner Verstaatlichung durch Nasser zurückzuerobern. Beides waren Aktionen, die sich nicht an die Spielregeln hielten, die der Westen rhetorisch verteidigte. Beide endeten symmetrisch — die Ungarn wurden zerschlagen, die Suez-Operation kollabierte unter amerikanischem Druck, weil Eisenhower die europäischen Verbündeten zwang, ihre koloniale Restexpansion aufzugeben. 1956 markiert das Ende der direkten europäischen Kolonialmacht und gleichzeitig das Versagen der westlichen Werteordnung gegenüber Ungarn. Es ist ein Doppeljahr: Die alte koloniale Ordnung stirbt, die neue universelle Ordnung kommt nicht zustande.
In den folgenden anderthalb Jahrzehnten wiederholt sich das Muster. Im April 1961, drei Monate nach dem Mord an Lumumba, scheitert eine andere Operation des gleichen Typs. Eine von der CIA ausgebildete Exilkubaner-Brigade landet in der Schweinebucht, mit dem Auftrag, Castro zu stürzen. Die Operation, von Eisenhower geplant und von Kennedy übernommen, kollabiert binnen drei Tagen. Castro überlebt gestärkt, treibt Kuba in die Allianz mit Moskau, achtzehn Monate später steht die Welt mit der Kuba-Krise am Rand des Atomkriegs. Es ist die seltene Konstellation, in der das Muster nicht funktionierte. Was den Westen nicht hinderte, an dem Muster festzuhalten, weil das einzelne Scheitern nicht als Lehre gelesen wurde, sondern als Ausführungsproblem.
1961 stirbt Lumumba im Kongo, mit Beteiligung belgischer und amerikanischer Geheimdienste. Afrika hatte 1960 siebzehn neue Staaten geboren, in einem Jahr, das man kurz als afrikanisches 1989 hätte lesen können — die kollektive Befreiung des Kontinents von der direkten Kolonialherrschaft. Lumumbas Tod im Januar 1961 ist die Botschaft, dass die formale Unabhängigkeit dort endet, wo sie die kolonialen Strukturen in Frage stellt. Mobutu kommt, regiert 32 Jahre, plündert das Land aus, wird vom Westen als verlässlicher antikommunistischer Partner geführt.
1965 in Indonesien dann der mörderischste Vorgang dieser Phase. Zwischen 500.000 und über einer Million Menschen werden ermordet, in einer kurzen, intensiven, systematischen Säuberung der indonesischen Linken. Die CIA hat — die Akten sind 2017 freigegeben worden — Listen mit Namen von kommunistischen Funktionären an die indonesische Armee weitergegeben. Suharto regiert bis 1998. Indonesien ist heute eines der Länder, in denen das eigene Geschichtsbewusstsein noch nicht mit der Vergangenheit fertig geworden ist; die Täter sind nie zur Rechenschaft gezogen worden, und in der westlichen Erinnerung kommt das Massaker kaum vor. Joshua Oppenheimers Filme The Act of Killing (2012) und The Look of Silence (2014) haben das geändert, aber die Verdrängung war jahrzehntelang vollständig.
Parallel zu Indonesien läuft Vietnam. Der amerikanische Krieg, der 1965 mit der Bodenoffensive seine entscheidende Stufe nimmt, wird zur längsten militärischen Präsenz der USA bis dahin. Im Januar 1968 startet die Tet-Offensive — militärisch von den Vietkong verloren, politisch der Wendepunkt. Zum ersten Mal sieht eine westliche Bevölkerung im Fernsehen, was ihre eigene Armee in einem fremden Land tut, und was sie nicht erreicht. Walter Cronkite erklärt den Krieg im Februar 1968 für unentschieden, Lyndon B. Johnson tritt nicht erneut an. Sieben weitere Jahre dauert es bis zum Fall Saigons im April 1975. Die Bilder der Letzten am Botschaftsdach, das Klammern an die Hubschrauberkufen, die zurückgelassenen vietnamesischen Verbündeten — sie sind das erste Bild westlicher Niederlage im Mediendienst des 20. Jahrhunderts. Über drei Millionen Vietnamesen sind tot, 58.000 Amerikaner. Sechsundvierzig Jahre später, in Kabul, wird das Bild zurückkehren, mit anderem Hubschrauber, mit anderer Niederlage.
Zur selben Zeit, in derselben Region, geschieht etwas, das in der westlichen Erinnerung lange nicht den Platz fand, der ihm zukäme. Im April 1975, wenige Tage vor Saigon, marschieren die Roten Khmer in Phnom Penh ein. Pol Pot evakuiert die Hauptstadt binnen vierundzwanzig Stunden, beginnt den Aufbau einer agrarischen Utopie, die in dreieinhalb Jahren zwischen 1,5 und 2 Millionen Tote produziert — ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung. Was darauf folgte, ist die zweite Schicht des Tatbestands: Nach der vietnamesischen Intervention 1979, die das Khmer-Regime stürzte, unterstützten die USA, Großbritannien und China die exilierte Khmer-Regierung gegen das vietnamesisch installierte Regime. Bis 1991 wurde die Khmer-Regierung in der UN als rechtmäßige Vertretung Kambodschas anerkannt — von westlichen Demokratien, die wussten, was sie unterstützten. Im Namen des Antikommunismus wurde mit den Mördern paktiert. Die Verschiebung der Maßstäbe, die heute in der Gegenwart fassungslos macht, hat eine längere Geschichte.
1973 in Chile, am 11. September, der Putsch gegen Allende. Pinochet kommt, wird zur eisernen Hand, unter der die Chicago Boys von Milton Friedman ihre wirtschaftspolitische Theorie zum ersten Mal in einer Volkswirtschaft testen können. Chile ist das Labor der späteren neoliberalen Transformation, einschließlich der Privatisierung der Renten 1981 — das sichtbarste internationale Vorbild kapitalgedeckter Rentensysteme der folgenden Jahrzehnte, am direktesten in der schwedischen Premiepension von 2000. Was als ökonomisches Experiment begann, ist heute Mainstream. Dass es unter einer Diktatur stattfand, die Tausende ermordete und Zehntausende folterte, ist in der Geschichte des Neoliberalismus selten Teil der Erzählung.
In dieser ersten Phase — 1953 bis 1979 — ist die Linie kontinuierlich. Es gibt fast jedes Jahr einen Punkt, der dasselbe Muster zeigt: eine demokratisch oder zumindest legitim gewählte Regierung wird gestürzt, oft unter Beteiligung westlicher Geheimdienste, immer im Namen einer Sicherheitslogik, die im Kalten Krieg ihre Selbstrechtfertigung findet. Die Opfer sind in der südlichen Hemisphäre, die Profiteure im Norden, die Täter operieren im Schatten. Die westliche Öffentlichkeit erfährt selten, was geschieht. Wenn sie etwas erfährt, ist es zwanzig oder dreißig Jahre später, wenn die Folgen kaum noch revidierbar sind.
Diese Phase endet 1979 mit der Iranischen Revolution. Sie endet mit der Spätfolge ihres eigenen Anfangspunktes. Wer Mossadeq 1953 gestürzt hatte, bekam 1979 die Antwort — einen islamischen Theokratiestaat, der seitdem das geopolitische Problem der Region ist. Die Linie zeigt hier zum ersten Mal, dass sie eine Linie ist: dass Anfänge und Folgen zusammenhängen, auch über ein Vierteljahrhundert.
Doch 1979 endet nicht nur eine Phase. Im Mai desselben Jahres gewinnt Margaret Thatcher die britischen Unterhauswahlen. Achtzehn Monate später wird Ronald Reagan Präsident der Vereinigten Staaten. Was sich politisch zunächst als Wahl zweier Konservativer darstellt, ist eine ideologische Wende, die der Westen sich selbst zufügt: Privatisierung, Deregulierung der Finanzmärkte, Schwächung der Gewerkschaften, schrittweiser Rückbau des Sozialstaats. Die Architektur der Nachkriegsgesellschaft, die zwischen 1945 und 1979 gewachsen war, beginnt sich umzubauen. Die Folgen sind langsam, aber kumulativ. Sie führen über vier Jahrzehnte zu jener Erosion des Mittelschicht-Vertrauens, die in der Finanzkrise 2008 ökonomisch sichtbar und 2016 politisch wirksam wird. Die externe Linie, die seit 1953 lief, erhält 1979 einen inneren Begleiter. Was der Westen außerhalb seiner eigenen Grenzen tat, kommt mit Verzögerung in den eigenen Mittelschichten an.
III. Die Atempause, 1980 bis 2008
Die zweite Phase ist die der Öffnung. Sie beginnt nicht 1989, sondern bereits 1980 in der polnischen Hafenstadt Gdańsk, wo die unabhängige Gewerkschaft Solidarność gegründet wird. Lech Wał&ecedil;sa, ein Elektriker, wird zur unwahrscheinlichsten Symbolfigur einer Befreiungsbewegung, die fast zehn Jahre brauchen wird, bis sie zum Erfolg kommt. Das Kriegsrecht von 1981 unterdrückt sie kurz, aber sie überlebt im Untergrund, mit Unterstützung der katholischen Kirche und westlicher Geheimdienste, diesmal auf der richtigen Seite — wenn man so will.
Was zwischen 1980 und 1989 in Mitteleuropa geschieht, ist die langsamste Revolution der modernen Geschichte. Sie verläuft fast gewaltfrei. Sie wird getragen von Intellektuellen wie Václav Havel, Adam Michnik, György Konrád, Bronisław Geremek, die in Untergrunduniversitäten lehren, in Samizdat publizieren, Gefängnis riskieren, Verhörzimmer kennen. Sie ist eine Revolution der Sprache, bevor sie eine der Politik ist. Havels Aufsatz Die Macht der Machtlosen von 1978 ist die theoretische Grundlage; die Charta 77 ist ihre praktische Form.
1989 selbst ist dann die Kaskade. Im Juni gewinnt Solidarność die polnischen halbfreien Wahlen. Im September öffnet Ungarn die Grenze nach Österreich. Im Oktober demonstrieren in Leipzig Hunderttausende. Im November fällt die Mauer. Im Dezember stürzen Schiwkow in Bulgarien, Husák in der Tschechoslowakei, Ceauşescu in Rumänien. Innerhalb von elf Monaten verschwindet ein Imperium, das vierzig Jahre lang gehalten hatte. Es ist der größte einzelne Akt friedlicher politischer Befreiung im 20. Jahrhundert.
Aber 1989 ist auch das Jahr von Tian’anmen. Im Juni desselben Jahres, in dem Solidarność die polnischen Wahlen gewinnt, schlägt die chinesische Volksbefreiungsarmee die studentische Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens nieder. Die Zahl der Toten ist bis heute umstritten, die Schätzungen reichen von einigen hundert bis mehreren tausend. Der Westen reagiert mit kurzfristigen Sanktionen, die innerhalb weniger Jahre wieder gelockert werden. China wird in die Welthandelsorganisation integriert, ohne dass die politische Liberalisierung mitgegangen wäre. Die Annahme, dass ökonomische Öffnung politische Öffnung mit sich bringt, wird nirgendwo so deutlich widerlegt wie im chinesischen Fall, aber sie bleibt jahrzehntelang die Grundlage der westlichen Chinapolitik.
Die Symmetrie zwischen Berlin im November und Peking im Juni ist die eigentliche Lehre des Jahres 1989. Sie wird in der westlichen Erinnerung selten gezogen. 1989 wird erinnert als Triumph; Tian’anmen wird erinnert als Tragödie. Aber beide sind dasselbe Jahr, dieselbe Welt, dieselbe historische Konstellation. Die Befreiung in Mitteleuropa und die Niederschlagung in China stehen nicht in Widerspruch zueinander — sie zeigen, dass die Geschichte 1989 nicht in eine Richtung lief, sondern in mehrere zugleich.
Es wäre falsch, die Atempause nur an ihren Brüchen zu messen. Sie war real, und sie war länger als ein Jahr. Nelson Mandela kam im Februar 1990 frei, nach siebenundzwanzig Jahren Gefängnis; vier Jahre später war er Präsident eines Südafrikas, das die Apartheid hinter sich gelassen hatte. Der Maastrichter Vertrag von 1992 baute aus der Europäischen Gemeinschaft eine Union mit eigener Währungsperspektive und politischem Anspruch. Die NATO-Osterweiterung von 1999 und die EU-Osterweiterung von 2004 nahmen Länder auf, die fünfzehn Jahre zuvor noch hinter dem Eisernen Vorhang gestanden hatten. Die Vereinten Nationen erlebten zwischen 1989 und 2000 eine produktive Phase ihrer Geschichte, mit Friedensmissionen, Konferenzen, einem Internationalen Strafgerichtshof, der 2002 ins Leben trat. Wer die Atempause nur als kurze Pause zwischen zwei Schließungsphasen liest, sieht nicht, was wirklich geschah. Es geschah viel. Es geschah genug, dass eine Generation glauben konnte, die Bewegung gehe in eine Richtung.
Diese Atempause hat eine ökonomische Tiefenstruktur, die in derselben Zeit zu einer Doppelbewegung wurde. Die Ungleichheit zwischen den Ländern fiel seit etwa 1990 dramatisch, weil Asien aufholte; die Ungleichheit innerhalb der westlichen Länder stieg im selben Zeitraum wieder auf das Niveau von etwa 1870. Branko Milanovic hat diese Doppelbewegung in The Great Global Transformation in einem einzigen Diagramm festgehalten (Figur 2.2); die Einleitung zu dieser Reihe beschreibt es ausführlicher. Was sich hier abzeichnet, ist die ökonomische Grundierung dessen, was politisch erst ab 2008 wirksam wurde: Während die globale Verteilung gleichmacher wurde, baute sich in den westlichen Mittelschichten eine Erosionsenergie auf, die sich später, in einer Sprache, die niemand vorausgesehen hatte, politisch entladen würde.
Die Phase der Öffnung dauert bis ungefähr 2008, mit zunehmenden Brüchen. Schon 1991 in Vukovar, der ersten ethnischen Säuberung auf europäischem Boden seit 1945, war das Muster sichtbar gewesen. Die kroatische Stadt von 84.000 Einwohnern wurde drei Monate belagert, in Trümmer gelegt, ihre nicht-serbische Bevölkerung vertrieben oder ermordet. 263 Patienten und Personal des Krankenhauses wurden auf der Schweinefarm Ovčara erschossen. Europa schaute zu, sortierte die Schuld in beiderseitige Verantwortung um, ließ den Zerfall Jugoslawiens als balkanische Eigentümlichkeit gelten, statt als das, was er war: das Wiederauftauchen der ethnonationalistischen Säuberung in unmittelbarer europäischer Nachbarschaft. Wer Vukovar gesehen und nicht eingegriffen hatte, hat Srebrenica vier Jahre später vorbereitet.
1993 in Mogadischu, im Oktober, in einer humanitären UN-Operation, sterben in einem Gefecht 18 amerikanische Soldaten. Die Bilder geschleifter Soldatenleichen durch die Straßen produzieren in Washington eine politische Lähmung, die unmittelbar an dem nächsten Genozid mitschuldig wird. Wer ein Vietnam-Syndrom hatte, bekommt ein Mogadischu-Syndrom; beide hindern den Westen daran, dort einzugreifen, wo es gerechtfertigt gewesen wäre. 1994 in Ruanda das Versagen der internationalen Gemeinschaft, einen Völkermord zu verhindern — nicht weil sie es nicht hätte tun können, sondern weil sie es nicht wollte. Die UN-Schutztruppe wurde während des Tötens auf 270 Mann reduziert. Frankreich unterstützte die Génocidaire-Regierung. Die USA weigerten sich, das Wort Völkermord zu benutzen, weil es Interventionspflichten ausgelöst hätte. Bill Clinton hat das später als sein größtes Versagen bezeichnet, aber das ändert nichts daran, dass es geschah.
1995 in Srebrenica, auf europäischem Boden, in einer UN-Schutzzone, das größte Massaker in Europa seit 1945. Über 8.000 muslimische Jungen und Männer, ermordet von bosnisch-serbischen Truppen unter General Ratko Mladić, während niederländische Blauhelme die Zone übergaben. Diese Ereignisse erschütterten die Annahme, dass die offene Gesellschaft selbstverständlich und mit Selbstverständlichkeit verteidigt würde. Sie wurden in der Erinnerung als Versagen verarbeitet, aber nicht als grundsätzliches Versagen der Architektur.
1999 in Kosovo der erste größere NATO-Krieg nach dem Kalten Krieg, ohne UN-Mandat geführt, weil Russland und China im Sicherheitsrat blockiert hätten. Die humanitäre Notwendigkeit war evident — die albanische Bevölkerung wurde vertrieben, Massaker dokumentiert. Die rechtliche Architektur war es nicht. Operation Allied Force schuf einen Präzedenzfall, der später von Russland in Georgien 2008 und auf der Krim 2014 zur eigenen Rechtfertigung instrumentalisiert wurde: Wer am Völkerrecht vorbei intervenierte, hatte sich seines Schutzes selbst beraubt. Die Rechnung wurde mit einer Generation Verspätung präsentiert.
2001 dann der 11. September, das amerikanische 9/11, das die nächsten zwanzig Jahre amerikanischer und europäischer Außenpolitik prägt. Der War on Terror produziert Patriot Act, Guantánamo, Massenüberwachung, Drohnenkriege, eine Sicherheitsdoktrin, die mit den liberalen Werten der 1990er kaum vereinbar ist. Im selben Jahr, im Dezember, ein zweites Ereignis, das in seiner langfristigen Wirkung womöglich folgenreicher war als der 11. September: China tritt der Welthandelsorganisation bei. Der westliche Konsens — vor allem in der Clinton- und Bush-Ära unbestritten — lautete: ökonomische Öffnung wird politische Öffnung mit sich bringen. Konditionalität, die einer demokratischen Liberalisierung Chinas hätte den Weg ebnen sollen, wurde nicht ernsthaft eingefordert. Was folgte, war das Gegenteil. China industrialisierte rasant, der Westen deindustrialisierte teilweise mit, und die Annahme einer Konvergenz politischer Systeme wurde als Hoffnung beibehalten, lange nachdem sie als empirische Behauptung widerlegt war. Die strukturelle Abhängigkeit, die zwei Jahrzehnte später die Lieferketten und die Energieversorgung definiert, hat hier ihren Anfang.
Die Bush-Regierung führt 2003 ohne UN-Mandat den Irakkrieg, gestützt auf falsche Geheimdienstinformationen über Massenvernichtungswaffen. Das Saddam-Regime fällt, doch die Besatzung erzeugt einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg, der über eine Million Tote fordert und den Aufstieg des Islamischen Staates ermöglicht. 2004 die Bilder aus Abu Ghraib. Amerikanische Soldatinnen und Soldaten posieren mit gefolterten irakischen Häftlingen, deren Nacktheit, Erniedrigung und Hundebisse mit den Smartphones der frühen Generation festgehalten und ins Internet gestellt werden. Was als Disziplinverstoß einzelner Reservisten dargestellt wird, ist systemisch: ein Folterregime, in der Bush-Administration durch die Torture Memos vorbereitet, von Donald Rumsfeld gedeckt, in Guantánamo institutionell weitergeführt. Hier ist es nicht mehr eine südliche Diktatur, die foltert — es ist die führende westliche Demokratie. Die Universalität der Menschenrechte hat einen Riss bekommen, den niemand mehr glatt würde reden können.
Wer 2003 hingesehen hat, hat verstanden, dass die regelgebundene internationale Ordnung, die der Westen rhetorisch verteidigte, in Wirklichkeit nicht regelgebunden war. Die Erosion war damals schon spürbar — aber sie war noch nicht benannt. Die liberalen Stimmen in Europa und Amerika kritisierten den Krieg, aber sie sahen ihn meist als Bush-Anomalie, nicht als Fortsetzung einer langen Linie. Dass die Linie in Bagdad genauso verlief wie in Santiago dreißig Jahre zuvor, wurde selten ausgesprochen.
Im August 2008, einen Monat vor Lehman, marschierte die russische Armee in Georgien ein. Sakaschwili, der georgische Präsident, hatte sich in eine Provokation locken lassen, doch die Reaktion Putins demonstrierte, was er konnte und was der Westen lassen würde. Innerhalb von fünf Tagen besetzte Russland Südossetien und Abchasien, anerkannte sie als unabhängige Staaten, faktisch als russische Protektorate. Die westliche Reaktion blieb symbolisch. Die Reset-Politik der frühen Obama-Jahre versuchte 2009, die Lektion zu ignorieren. Sie wurde 2014 in der Krim-Annexion und 2022 in der Vollinvasion gerechtfertigt nachgereicht. Wer Georgien 2008 hinnahm, hat die Krim mitermöglicht, hat die Vollinvasion mitermöglicht.
2008 schließlich die Lehman-Insolvenz, die globale Finanzkrise, das Ende der Annahme, dass die Globalisierung sich selbst stabilisiert. Die ökonomischen Folgen wurden weitgehend privatisiert in Form von Sparprogrammen und sozialer Erosion, während die Verluste der Finanzinstitutionen sozialisiert wurden. Es ist die ökonomische Vorgeschichte zu allem, was politisch ab 2010 folgt. Wer wissen will, woher der Trumpismus kommt, woher der Brexit kommt, woher der Front National seine Stimmen bekommt, der muss in den Jahren ab 2008 beginnen — in den nicht-rückerstatteten Verlusten der Mittelschicht, in den nicht-rehabilitierten Bankenrettungen, in der Aushöhlung des Vertrauens in die ökonomischen Eliten.
Was 2008 in New York begann, kam 2010 in Athen, Lissabon, Madrid, Dublin an. Die Eurokrise war eine Antwort auf die Lehman-Folgen, aber sie war eine asymmetrische Antwort: Die Kosten der Bankenrettung wurden in der Peripherie bezahlt, während die nordeuropäischen Volkswirtschaften, deren Banken die südlichen Schulden gehalten hatten, ihre Bilanzen reparieren konnten. Griechenland verlor zwischen 2010 und 2015 ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung. Die Selbstmordrate junger Männer verdoppelte sich, hunderttausende Akademiker wanderten aus. Was als Stabilisierung des Euro firmierte, erodierte das politische Vertrauen einer ganzen Generation in das europäische Projekt — und schuf den Resonanzboden für Syriza, Podemos, später AfD und Five Stars. Die ökonomische Erosion hatte ihre eigene politische Übersetzungsleistung; sie war nicht weniger Teil der Linie, weil sie kein Ereignis war, sondern ein langsam wirkender Prozess.
IV. Der Vorbote, 2010 bis 2014
Die dritte Phase ist die kürzeste und die wichtigste. Sie dauert kaum vier Jahre, aber in ihr entscheidet sich, ob die Linie weiterläuft oder ob sie unterbrochen wird. Sie wird unterbrochen, aber nicht in die Richtung, in der man die Unterbrechung gehofft hatte.
Im Dezember 2010 zündet sich der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi in Sidi Bouzid an. Er war von einer Polizistin geschlagen worden, sein Karren konfisziert, seine wirtschaftliche Existenz, ohnehin prekär, vernichtet. Er ging zum Gouverneursamt, um zu protestieren, wurde nicht angehört, ging zurück, kaufte Benzin, übergoss sich, zündete sich an. Er starb am 4. Januar 2011 im Krankenhaus.
Was dann geschah, hatte die Form von 1989, aber sie kam aus dem Süden. In Tunesien wurden die Massendemonstrationen unkontrollierbar; im Januar 2011 floh Ben Ali nach Saudi-Arabien. Im Februar fiel Mubarak in Ägypten nach achtzehn Tagen Tahrir. Im März begannen die Demonstrationen in Daraa, Syrien. Bahrain, Jemen, Libyen folgten. Marokko, Jordanien, Algerien, Sudan, Irak, Oman wurden mit unterschiedlicher Intensität erfasst. Es war 1989 in arabischer Sprache.
Was der Westen tat, war: zusehen. Er tat in einigen Fällen mehr als zusehen — im März 2011 intervenierte die NATO in Libyen, mit Resolution 1973 des Sicherheitsrats und unter dem Banner der Responsibility to Protect. Gaddafi fiel, wurde im Oktober gelyncht. Die Operation war ein militärischer Erfolg, ein politischer Bankrott. Es gab keinen Plan für die Zeit danach. Libyen versank in einem Bürgerkrieg, der bis heute andauert; auf seinem Territorium etablierten sich Sklavenmärkte, durch die Migrationsroute für Hunderttausende verlief, an deren Ende mehr als zwanzigtausend Tote im Mittelmeer lagen. Die humanitäre Intervention, der jüngste und ehrgeizigste Versuch westlichen Werteexports, hinterließ einen failed state. Wer R2P glaubte, wurde hier desillusioniert. Aber in Ägypten, Syrien, Bahrain und Jemen tat der Westen das, was er 1989 nicht getan hätte: Er ließ die Bewegungen ohne substanzielle Unterstützung. Mursi wurde im Juni 2012 demokratisch gewählt, regierte ein Jahr, wurde im Juli 2013 von al-Sisi gestürzt. Im August 2013, am 14. August, eröffneten ägyptische Sicherheitskräfte das Feuer auf das Sit-in der Muslimbruderschaft auf dem Rabia-al-Adawiya-Platz. Human Rights Watch dokumentierte 800 bis 1.000 Tote an einem Tag. Es war der größte einzelne Massaker an Demonstranten seit Tian’anmen 1989.
Die westliche Reaktion auf Rabia ist der eigentliche Wendepunkt der Linie. Sie war nicht Solidarität mit den Erschossenen. Sie war auch nicht Verurteilung der Schießenden. Sie war diplomatisches Bedauern, gefolgt von der Fortsetzung der Militärhilfe an Ägypten. Sisi wurde Präsident, wurde später als Stabilitätspartner umarmt, wurde Migrationspartner, wurde als regionale Säule gegen den politischen Islam verteidigt. Die ägyptische Demokratie war ein Sommer lang da gewesen. Sie wurde an einem Vormittag erschossen. Der Westen sah weg.
In Syrien geschah das gleiche in einer langsameren Form. Assad militarisierte den Konflikt strategisch, indem er islamistische Gruppen aus den Gefängnissen entließ, um die Opposition zu islamisieren und damit international handhabbarer zu machen. Diese Strategie ging auf. Obama zog 2013 die rote Linie nach dem Sarin-Angriff in Ghuta, und überquerte sie nicht. Russland intervenierte 2015 militärisch und stabilisierte Assad. Die EU schloss 2016 das Türkei-Abkommen mit Erdoğan, das im Kern bedeutete, dass die syrischen Flüchtlinge nicht Europas Problem werden sollten. Mehr als eine halbe Million Syrer starb. Die Hälfte des Landes wurde vertrieben. Das geschah über zehn Jahre, in voller Sichtbarkeit.
Was zwischen 2011 und 2014 geschah, war kein Versagen einer einzelnen Politik. Es war die Demonstration einer strukturellen Tatsache, die seit 1953 latent vorhanden gewesen war: dass die universellen Werte, die der Westen rhetorisch verteidigte, partikular angewendet wurden. Wenn Polen sich befreite, war das die offene Gesellschaft. Wenn Ägypter sich befreiten, war das eine sicherheitspolitische Komplikation. Wenn Tschechen demonstrierten, waren sie Helden. Wenn Syrer demonstrierten, waren sie eine Migrationsbedrohung.
Diese Asymmetrie war der Schlüssel. Sie war nicht 2011 entstanden — sie war seit 1953 da, aber sie war nicht öffentlich gewesen. 2011 wurde sie öffentlich. Twitter, YouTube, die Demokratisierung der Bildproduktion machten es unmöglich, was 1953 möglich gewesen war: dass eine Niederschlagung in der westlichen Wahrnehmung einfach nicht stattfindet. Die Bilder aus Rabia waren weltweit. Die Bilder aus Homs waren weltweit. Was vorher unsichtbar gewesen war, wurde nun sichtbar — und damit wurde auch die Asymmetrie der westlichen Reaktion sichtbar.
Wer in diesen Jahren genau hinsah, wusste danach Dinge, die er vorher nicht gewusst hatte. Er wusste, dass die Erzählung von 1989 nicht ganz stimmte, dass sie eine selektive Erzählung gewesen war. Er wusste, dass das Versprechen der Universalität nie ganz eingelöst worden war. Er wusste, dass die offene Gesellschaft nicht selbstverständlich war, sondern ein politisches Projekt, das je nach Lage verteidigt oder fallen gelassen wurde.
Diese Erkenntnis war die Vorbedingung für 2016. Wer Rabia gesehen hatte und nicht reagiert hatte, war nicht überrascht, als 2016 die eigene Welt ähnliche Vorgänge produzierte. Er war erschüttert, aber nicht überrascht.
V. Das Gegenjahr, 2016
Bevor 2016 selbst kommt, kommt 2015 — der Schatten, der das Ereignis vorzeichnet. Im Sommer 2015 erreichten über eine Million Geflüchtete Europa, vor allem über die Balkanroute. Im September öffnete Angela Merkel die Grenze für die syrischen Geflüchteten, die sich an der ungarisch-österreichischen Grenze gestaut hatten. Was als humanitäre Geste begann, wurde zum politischen Sprengstoff: in Deutschland radikalisierte sich der rechte Rand bis zum Anschlag von Halle 2019, im Vereinigten Königreich lieferte das Bild der Migration die emotionale Grundlage für Brexit. Die EU schloss 2016 das Türkei-Abkommen mit Erdoğan, später das Tunesien-Abkommen — und löste damit das Schutzversprechen des Genfer Abkommens schrittweise in eine Externalisierung der Grenzkontrolle auf. Die Schiffe, die im Mittelmeer ertranken, kamen nicht mehr in den Schlagzeilen vor. Wer wissen wollte, woher 2016 kam, fand 2015 die emotionale, 2008 die ökonomische, 2013 die moralische Vorgeschichte.
2016 ist nicht ein Jahr, in dem etwas Schlimmes passiert ist — als Einzelereignis. 2016 ist das Jahr, in dem mehrere Linien gleichzeitig gerissen sind. Es ist das exakte Gegenjahr zu 1989 in seiner Plötzlichkeit, in seiner Unvorhergesehenheit, in seinem Kaskadeneffekt.
Im Mai die Wahl Dutertes auf den Philippinen, eines Kandidaten, der im Wahlkampf öffentlich angekündigt hatte, dass er Drogenabhängige außergerichtlich töten lassen werde, und der sein Versprechen einhielt. Im Juni das Brexit-Referendum. Im Juli der Putschversuch in der Türkei und die anschließende Säuberung. Im November Trump. Vier Ereignisse, die je für sich genommen Schock waren, in der Reihung aber Muster.
Was 1989 öffnete, war ein Möglichkeitsraum: dass die Geschichte sich zum Guten wenden könne, dass die Selbstbefreiung von Völkern eine reale Kategorie sei. Was 2016 schloss, war derselbe Möglichkeitsraum: die Annahme nämlich, dass die liberale Demokratie der Endpunkt sei, dass sie sich selbst korrigiere, dass eine Mehrheit ihrer Bürger an sie glauben müsse, um sie zu wählen. 2016 zeigte, dass eine Mehrheit gegen sie wählen kann, ohne ihre Sprache zu sprechen. Das war die Selbstamputation, die 1989 noch undenkbar war. 1989 wollte alle Welt zur offenen Gesellschaft. 2016 zeigte, dass Teile der offenen Gesellschaft nicht mehr offen sein wollten.
Die Symmetrie zu 1989 ist auf vielen Ebenen exakt. Die Kaskade verlief in elf Monaten — Manila, London, Ankara, Washington —, jede Bewegung beobachtet von der nächsten, jede eine Lektion. Die Bewegungen hatten ihre Intellektuellen — Bannon, Dugin, Zemmour, Carlson, in Deutschland die zweite Reihe der Neuen Rechten —, die auf vergleichbarer Höhe argumentierten wie die Öffner einst. Die Generationenstruktur war symmetrisch: 1989 wurde getragen von einer Generation, die unter dem Kommunismus aufgewachsen war und ihn deshalb nicht romantisierte. 2016 wurde getragen von einer Generation, die unter der liberalen Demokratie aufgewachsen war und sie deshalb nicht mehr verteidigte.
Diese Generation hatte einen ökonomischen Befund vor sich, der in dreißig Jahren entstanden war. Zwischen 1988 und 2018 ist der amerikanische Median-Verdiener in der globalen Einkommensverteilung still gestanden — bei etwa Perzentil 91, durchgängig. Der chinesische städtische obere Mittelschichts-Haushalt ist im selben Zeitraum von Perzentil 58 auf 86 aufgerückt. In der ersten Generation kein Aufstieg, in der zweiten ein Sprung um fast dreißig Perzentile. Das ist die statistische Grundierung der Wahlbewegungen von 2016 — sie kamen nicht aus dem Nichts; sie waren die politische Antwort einer Mittelschicht, die seit dreißig Jahren erlebte, dass andere im selben Zeitraum systematisch aufrückten, während sie selbst stillstand.
Was vorher schon brüchig war, ist 2016 nicht mehr aufgestanden. Die Stimmen, die seitdem hellsichtig geblieben sind, schreiben nicht mehr aus einer Position, in der sie eine Gesellschaft repräsentieren. Sie schreiben aus einer Position der Diaspora.
VI. Die Beschleunigung, 2017 bis 2025
Die fünfte Phase ist die, in der wir leben. Sie hat keine klare Form, weil sie noch nicht zu Ende ist. Aber sie hat eine Tendenz: Beschleunigung.
2017 begann der Trumpismus, sein Werk zu tun. Der Pariser Klimavertrag wurde gekündigt. Die UNESCO wurde verlassen. Der Iran-Atomdeal wurde aufgekündigt. Die NATO-Verbündeten wurden öffentlich attackiert. Diplomatische Konventionen, die jahrzehntelang die internationale Ordnung getragen hatten, wurden als verhandelbar dargestellt.
2018 in Saudi-Arabien die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul. Der Westen reagierte mit verbalen Bedauerungen und setzte die Waffenverkäufe an Riad fort. Khashoggi war ein Symbol — nicht weil er ein gewöhnliches Opfer war, sondern weil er in den USA gelebt und für die Washington Post geschrieben hatte. Wer ihn in Istanbul ermordete, sagte damit auch etwas über die Reichweite des westlichen Schutzes. Er war begrenzt.
2019 und 2020 in Hongkong der Versuch einer Demokratiebewegung, sich gegen das chinesische Auslieferungsgesetz und später gegen das Sicherheitsgesetz zu wehren. Hunderttausende auf den Straßen, eine Bewegung von einer Disziplin und Symbolik, wie sie 1989 in Leipzig gewesen war. Die westliche Reaktion war rhetorische Solidarität ohne praktische Konsequenz. Das Sicherheitsgesetz vom Juli 2020 beendete die Bewegung. Hongkong, das 1997 mit der Zusicherung ein Land, zwei Systeme an China zurückgegangen war, hörte als eigenständige politische Einheit auf zu existieren — fünfundzwanzig Jahre, statt der versprochenen fünfzig. Der Westen registrierte und ging zur Tagesordnung über.
Im August 2020, einen Monat nach dem Hongkonger Sicherheitsgesetz, kam es in Belarus zu den größten Demonstrationen in der Geschichte des Landes. Hunderttausende protestierten gegen die gefälschte Wiederwahl Lukaschenkos, angeführt von Frauen — Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa, Veronika Zepkalo. Sie hätten in der Nachbarschaft des Ostblocks von 1989 Resonanz gefunden; sie blieben isoliert. Lukaschenko überlebte mit russischer Unterstützung, die Bewegung wurde zerschlagen, ihre Anführerinnen gingen ins Exil oder ins Gefängnis. Es war das Belarus-1989, das nicht stattfinden durfte. Der Möglichkeitsraum, den 1989 geöffnet hatte, war auf das Jahr 1989 geschrumpft.
2020 die COVID-Pandemie, ein nicht-politisches Ereignis mit hochpolitischen Folgen. Die Pandemie zeigte, dass internationale Kooperation in einem realen Notfall nicht selbstverständlich war, dass nationalistische Reflexe schneller waren als multilaterale Strukturen, dass Lieferketten fragiler waren als angenommen. Sie beschleunigte die Tendenz zur Autarkie und zum Misstrauen, die ohnehin lief.
2021 das Ende der amerikanischen Präsenz in Afghanistan, in einer Form, die das Versagen sichtbar machte. Bilder vom Flughafen Kabul, in denen Menschen aus startenden Flugzeugen fielen, erinnerten an 1975 in Saigon. Zwanzig Jahre amerikanische Präsenz, eine Billion Dollar, Hunderttausende afghanische Tote — am Ende übernahmen die Taliban innerhalb von zwei Wochen. Es war keine Niederlage im konventionellen militärischen Sinn. Es war eine moralische Niederlage, deren Sichtbarkeit das amerikanische Selbstverständnis weiter erschütterte.
2022 die russische Vollinvasion der Ukraine. Putin hatte 2014 nicht das bekommen, was er wollte — die Annexion der Krim war hingenommen worden, aber sie hatte nicht das gesamte Land in den russischen Einflussbereich zurückgeholt. 2022 versuchte er es im Großen, mit einer Operation, die innerhalb von drei Tagen Kiew erobern sollte. Sie scheiterte am ukrainischen Widerstand und an der westlichen Waffenhilfe. Aber sie zeigte, dass die europäische Sicherheitsarchitektur, die seit 1990 angenommen worden war, nicht mehr trug. Und sie zwang Europa zu einer Aufrüstung, die einer kulturellen Wende gleichkam. Deutschland erklärte die Zeitenwende, die Schweiz übernahm EU-Sanktionen, Schweden und Finnland traten der NATO bei. Was 2014 noch hätte verhindert werden können, kostete 2022 zehntausende Tote.
Was die Invasion brutal sichtbar machte, war die jahrzehntelange westliche Abhängigkeit von russischer Energie. Deutschland hatte zwei Pipelines durch die Ostsee gebaut, ungeachtet polnischer und baltischer Warnungen. Italien, Österreich, Ungarn waren ähnlich exponiert. Erst der Krieg zwang Europa zur Diversifizierung, in einem Tempo, das vorher als wirtschaftlich unmöglich galt. Was wirtschaftlich unmöglich gewesen war, war innerhalb eines Jahres geschehen — was zeigt, dass die Behauptung der Unmöglichkeit ein politisches Argument war, kein technisches. Die Linie der externen Intervention hatte sich, in der Sprache der Energieversorgung, zur Linie der selbstverschuldeten Verwundbarkeit ausgewachsen.
Was sich in derselben Phase auf der anderen Seite der Bilanz aufbaute, ist in der hier gezeichneten Linie nicht abgebildet, gehört aber zur historischen Wahrheit der Jahre 2017 bis 2025. Die ukrainische Verteidigung selbst — von der unbewaffneten Bevölkerung in Cherson, die russischen Panzern den Weg verstellte, bis zur staatlichen Mobilisierung, die in dieser Form niemand prognostiziert hatte — war eine demokratische Kraftleistung von einer Größe, die die geopolitische Landkarte verändert hat. Die globale Klimabewegung, die 2018 mit Greta Thunbergs Schulstreik begann und binnen eines Jahres in über hundert Ländern Millionen mobilisierte, hat eine ganze Generation politisch geprägt. Die Europäische Union hat in diesen Jahren mit dem Green Deal, dem AI Act, dem Digital Services Act eine regulatorische Architektur etabliert, die in dieser Dichte global einmalig ist — und über deren Tragfähigkeit der erste Text dieser Reihe schreibt. Die US-amerikanischen Gerichte haben in der ersten Trump-Administration die meisten der angefochtenen Maßnahmen kassiert; auch in der zweiten ist die juristische Resistenz nicht eingebrochen, sie ist nur langsamer als die Demontage. Diese Kräfte halten die Linie nicht auf. Sie laufen neben ihr. Sie sind der Grund, weshalb die Linie eine Spannung ist und kein Verlauf.
Was sich seit den späten 2000ern parallel entwickelte, war die innere Erosion durch eine andere Macht: die digitalen Plattformen. Facebook, Twitter, später TikTok und YouTube wurden zu den Räumen, in denen sich öffentliche Meinung formt — ohne den redaktionellen Filter, der die Presse vier Generationen lang strukturiert hatte. Die Algorithmen optimieren auf Aufmerksamkeit, nicht auf Wahrheit; sie verstärken Empörung, weil Empörung verstärkt wird. 2016 wurde sichtbar, was 2010 nur Möglichkeitsraum gewesen war: eine demokratische Öffentlichkeit kann durch ihre eigenen Werkzeuge zerlegt werden.
Wer Trumps Sieg, Bolsonaros Sieg, Modis Konsolidierung, Dutertes Brutalisierung erklären will, kommt um die Algorithmen nicht herum — auch wenn sie nicht die einzige Ursache sind. Die ökonomische Erosion seit 2008, der kulturelle Bruch der Mittelschichten, die Erschöpfung der liberalen Erzählung sind ebenso Bedingungen. Aber die Algorithmen sind die Bedingung, die alle anderen verstärkt und in derselben Sekunde an Millionen ausspielt. Die Linie hatte einen weiteren Träger gefunden: nicht mehr verdeckte CIA-Operation, nicht mehr militärisches Versagen, nicht mehr humanitäre Selektivität, sondern die strukturelle Manipulierbarkeit der Aufmerksamkeit selbst.
2024 dann mehrere parallele Entwicklungen. Der Sturz Assads im Dezember, der späte Schluss eines Kapitels, das 2011 hätte enden sollen. Die Rückkehr Trumps in den Wahlsieg vom November, mit einer härteren Plattform als 2016 und einer Mehrheit der Volksstimmen, die er beim ersten Mal nicht hatte. Die anhaltende Eskalation in Gaza, die seit Oktober 2023 läuft und das humanitäre Recht in einer Weise belastet, die es so seit den Balkankriegen nicht gegeben hatte. Über 50.000 palästinensische Tote, die Mehrheit Zivilisten. Der Internationale Strafgerichtshof erließ Haftbefehle gegen Netanjahu und Gallant; die USA verhängten Sanktionen gegen den Strafgerichtshof. Das war ein Vorgang, der 1989 unvorstellbar gewesen wäre: dass die führende westliche Macht das internationale Strafrecht nicht nur ignoriert, sondern aktiv attackiert.
2025 begann mit der zweiten Trump-Administration. Am ersten Tag wurde das Department of Government Efficiency eingerichtet; in den folgenden Monaten wurde die wissenschaftspolitische Architektur der Vereinigten Staaten in zentralen Teilen demontiert, USAID-Programme gestoppt, mit globalen Folgen, die in Hunderttausenden Toten zu messen sind.
Die ökonomisch-historische Linie dieser Selbstdemontage — von Vannevar Bushs Bericht 1945 bis zur Kettensäge auf der CPAC-Bühne — schildert der Begleittext Die Saatgutfresser. Geopolitisch zählt hier nur eines: Die Hegemonialmacht gibt ihre Vormachtstellung auf — ohne äußeren Druck, durch innere Demontage.
Das ist die Linie, an deren Ende wir heute stehen.
VII. Was die Linie zeigt
Die Lange Linie zeigt eine kontinuierliche westliche Selbsterosion seit 1953: wiederkehrende Muster von machtpolitischer Doppelmoral, gescheiterten Interventionen, selektiver Erinnerung (besonders um 1989) und fehlender strategischer Konsequenz wandern von außen nach innen und höhlen die eigenen Werte, Institutionen und Glaubwürdigkeit zunehmend aus. Auswahl und Anordnung der Punkte folgen dieser Bewegung.
Die Linie zeigt drei Dinge.
Erstens: Was wir gerade erleben, ist nicht ein Bruch, der hätte verhindert werden können. Es ist das Sichtbarwerden einer Bewegung, die 1953 begonnen hat und seither nie ganz unterbrochen worden ist. 1989 war eine Atempause, kein Endpunkt. Die Erosion lief während der Atempause weiter, in Ruanda, in Srebrenica, im Irakkrieg, in der Sicherheitsdoktrin nach 9/11. Sie lief während des arabischen Frühlings weiter, in Rabia, in Damaskus, in Aleppo. Sie kam nach 2016 in den Westen selbst zurück, weil sie nie wirklich woanders gewesen war.
Zweitens: Die Linie zeigt, dass die Werte, die der Westen rhetorisch verteidigt, von ihren eigenen Trägern auch verraten worden sind. Mossadeq, Árbenz, Lumumba, Allende, Mursi waren keine Ideologen einer fremden Macht. Sie waren demokratisch oder zumindest legitim gewählte Politiker, die Politik machten, die der Westen nicht mochte. Sie wurden gestürzt oder ihrem Sturz wurde nicht widerstanden. Wer das Erbe von 1989 ernst nimmt, muss diese Vorgänge mitnehmen. Wer sie ausblendet, kann das Erbe nicht ernsthaft verteidigen.
Drittens: Die Linie zeigt, dass Geschichte nicht in eine Richtung verläuft. Sie hat Phasen der Schließung und Phasen der Öffnung, oft im selben Jahr (1989), oft im selben Jahrzehnt, manchmal an verschiedenen Orten gleichzeitig. Wer die Linie als deterministische Bewegung in eine Richtung liest, übersieht ihre Komplexität. Was sie zeigt, ist eher eine Spannung — eine ständige Auseinandersetzung zwischen schließenden und öffnenden Kräften, die nie endgültig entschieden wird.
In dieser Spannung steht auch die Gegenwart. Es ist nicht ausgemacht, dass die Linie in der Schließung endet. Es gibt Gegenkräfte, die hier nicht alle eingezeichnet sind, weil sie diffuser sind als die Ereignisse: die anhaltenden Demokratiebewegungen in Belarus, Hongkong, Iran, die hartnäckige ukrainische Verteidigung, die sich erholenden europäischen Demokratien nach den Schocks von 2016, die internationale Solidarität, die in einzelnen Momenten doch trägt.
Aber die Linie zeigt, dass die Schließungskräfte in den letzten siebzig Jahren häufiger gewonnen haben als verloren. Wer das nicht sehen will, schließt die Augen vor dem, was die Karte zeigt.
Eine berechtigte Gegenfrage ist hier zu beantworten: Behauptet diese Karte, Geschichte sei eine kontinuierliche Abwärtsbewegung? Sie behauptet das nicht. Sie behauptet auch nicht das Gegenteil. Geschichte ist nicht linear — weder ein stetiger Aufstieg, wie das Fortschrittsnarrativ des 19. Jahrhunderts es wollte, noch ein unaufhaltsamer Verfall, wie ihn manche Kulturpessimisten und zyklische Theorien beschreiben. Sie zeigt wellenförmige, teils kumulative Muster: Die extreme Armut ist von über 40 Prozent 1980 auf unter 9 Prozent heute gesunken, die Lebenserwartung weltweit gestiegen, Sklaverei in weiten Teilen der Welt abgeschafft, Bildung und Rechtsstaatlichkeit in vielen Regionen ausgebaut. Wissenschaft und Technik akkumulieren über Jahrhunderte, oft auch über die Bruchstellen einzelner Zivilisationen hinweg.
Was die Karte zeigt, ist eine Linie innerhalb dieser längeren Geschichte, nicht die ganze Geschichte. Sie ist eine spezifische Phase westlicher Selbsterosion, die seit 1953 läuft — und sie ist gerade deshalb beschreibbar, weil andere Phasen anders verliefen. Frühere Tiefpunkte — das 14. Jahrhundert mit Pest und Hundertjährigem Krieg, die 1930er — wurden überwunden, oft durch unerwartete Erneuerung. Ob diese Phase weiter abwärts verläuft, hängt nicht von einer unausweichlichen Linie ab, sondern von konkreten Entscheidungen: ob Gesellschaften lernfähig bleiben, ob sie ihre eigenen Werte ernst nehmen, ob sie strategische Konsequenz zeigen. Die Karte warnt davor, nicht zu lernen. Sie prophezeit keinen Untergang. Der scheinbar unaufhaltsame Abstieg kann sich als Vorbereitung eines neuen Aufstiegs erweisen — oder umgekehrt. Die Linie endet nicht, weil sie noch nicht zu Ende ist.
Diese strukturelle Komplexität wird in der Einleitung zu dieser Reihe zugespitzt: Was im westlichen Selbstgespräch als Niedergang erscheint, ist aus der Perspektive der globalen Einkommensverteilung etwas anderes — eine Normalisierung, das Ende eines zweihundertjährigen historischen Sondervorsprungs. Diese Karte zeichnet die kulturpolitische Seite einer Bewegung, deren ökonomische Seite eine Rückkehr zu Verhältnissen ist, die dem demographischen und ökonomischen Gewicht der Weltregionen entsprechen. Beide Seiten sind real. Wer nur die kulturpolitische sieht, sieht eine Erosion. Wer auch die ökonomische sieht, sieht einen Übergang.
VIII. Was möglich ist
Die Linie ist nicht zu Ende. Was als Endpunkt erscheint, ist eine Station — offen für das, was als Nächstes kommt, gerade weil das, was als Nächstes kommt, nicht festgelegt ist. Was sich heute schließt, kann sich morgen öffnen, nicht durch Automatismus, sondern durch konkrete Entscheidungen, die noch nicht getroffen sind. Das ist die Voraussetzung dafür, vom Möglichen zu sprechen.
Der Vergleich mit früheren Tiefpunkten ist nicht trivial. Das 14. Jahrhundert sah Pest, Hundertjährigen Krieg, ein Drittel Europas tot, das institutionelle Vertrauen in Kirche und Krone in Trümmern. Daraus erwuchs nicht die endgültige Verfassung des europäischen Niedergangs, sondern die Renaissance — ein Wiederaufstieg, der weder vorhersehbar noch geplant war. Die 1930er Jahre brachten Faschismus und Stalinismus zugleich, Massenarbeitslosigkeit, einen Zivilisationsbruch von einer Tiefe, die heute oft unterschätzt wird. Daraus erwuchs in Westeuropa und Nordamerika die Sozialordnung der Nachkriegszeit — Vollbeschäftigung, ausgebauter Sozialstaat, Bildungsexpansion, Demokratie auf neuem Niveau. Dass diese Sozialordnung seit 1979 schrittweise abgebaut worden ist, ist eine zentrale Linie dieses Essays. Aber das zeigt auch das Umgekehrte: Politische Ökonomie ist machbar. Was geschaffen wurde, kann erneut geschaffen werden, und was erodiert ist, ist nicht naturhaft erodiert.
Der Neoliberalismus, dessen ideologische Wende 1979 mit Thatcher beginnt, ist heute ein totgelaufenes System. Seine Versprechen — wachsender Wohlstand für alle, Selbstregulation der Märkte, ökonomische Konvergenz politischer Systeme — sind empirisch widerlegt. Die Vermögenskonzentration der letzten vierzig Jahre hat westliche Mittelschichten ausgehöhlt, die Klimakrise ist sein direktes Produkt, die Tech-Oligarchien des Silicon Valley sind die Konsequenz seines Privatisierungsdogmas. Dass er trotzdem fortgeschrieben wird, ist keine Notwendigkeit, sondern Trägheit derer, die von ihm profitieren. Systeme dieser Art können abgelöst werden — und sie sind in der Geschichte regelmäßig abgelöst worden, wenn die Bedingungen ihrer Reproduktion erschöpft waren.
Die Bedingungen sind heute erschöpft, aber auf eine Weise, die historisch ungewöhnlich ist. Die amerikanische Hegemonie, die seit 1945 die ökonomische und sicherheitspolitische Architektur der westlichen Welt definiert hat, wird in diesen Jahren nicht durch einen externen Konkurrenten beendet, sondern durch die Vereinigten Staaten selbst. DOGE, der Rückzug aus internationalen Organisationen, die Aufkündigung von Handelsabkommen, das offene Misstrauen gegen die NATO, die programmatische Demontage der eigenen Wissenschaftsinfrastruktur — was sich seit Januar 2025 vollzieht, ist die selbstinduzierte Auflösung einer Vormachtstellung. Die multipolare Welt, von der seit zwei Jahrzehnten geredet wurde, kommt jetzt — nicht weil andere Mächte sie erzwungen hätten, sondern weil die Hegemonialmacht sich aus ihrer Rolle verabschiedet.
In diesem Möglichkeitsraum ist Europa der Akteur, der am meisten zu gewinnen oder zu verlieren hat. Es kann seine bisherige Position weiterführen — als sicherheitspolitisch abhängiger, technologisch nachlaufender, ökonomisch defensiver Juniorpartner, der auf eine Rückkehr zur Vor-2025-Normalität hofft. Diese Hoffnung wird nicht eintreten. Oder es kann seine Position neu fassen: als eigenständiger Pol einer multipolaren Welt, mit eigener industrieller Basis, eigener Sicherheitsarchitektur, eigenen digitalen Infrastrukturen, eigenen normativen Standards für künstliche Intelligenz, Datenschutz, Wettbewerbsrecht. Manches liegt schon vor — der AI Act, die DSGVO, der Digital Services Act sind Bausteine. Was fehlt, ist die strategische Konsequenz, die diese Bausteine mit eigener industrieller, finanzieller und sicherheitspolitischer Substanz unterlegt. Souveränität ohne Kapital, wie ich es im ersten Text dieser Reihe genannt habe, bleibt Bürokratie. Mit Kapital wird sie Politik.
Was abgewehrt werden muss, ist nicht eine äußere Bedrohung allein. Es ist die Vereinnahmung der digitalen Infrastruktur — Plattformen, Cloud-Dienste, Bezahlsysteme, Standards künstlicher Intelligenz — durch eine Konzentration privater Macht, die in dieser Konzentration und mit dieser politischen Schlagseite historisch beispiellos ist. Wenige Männer in Kalifornien, Nevada und Washington verfügen heute über die kommunikative Infrastruktur Europas. Sie tun es mit politischen Sympathien, die sie nicht mehr verbergen. Diese Asymmetrie ist nicht Naturzustand, sie ist gewählter Zustand — und sie kann durch europäische Entscheidung verändert werden. Eigene Plattformen, öffentliche Standards, regulatorische Härte, gezielte industrielle Investition, demokratisch kontrollierte digitale Räume sind keine technischen Probleme. Sie sind politische Aufgaben, die strategischen Willen erfordern.
Was nach 2025 möglich ist, hat eine größere Spannweite als das, was zwischen 1989 und 2025 möglich war. Mehr Transparenz im Umgang mit Ressourcen — weil die alten Lieferketten ihre stillen Selbstverständlichkeiten verloren haben. Mehr Gerechtigkeit in Infrastrukturentscheidungen — weil die Externalisierung der Kosten auf den globalen Süden nicht mehr unbestritten ist. Andere Machtverhältnisse — weil die alten nicht mehr halten. Diese Möglichkeiten sind nicht garantiert; sie sind Möglichkeiten, nicht Notwendigkeiten. Aber sie existieren, in einer Größe, die seit Jahrzehnten nicht da war.
Wer sich von der amerikanischen Selbstamputation einschüchtern lässt, übersieht, dass die Einschüchterung selbst der letzte Hebel ist, der bleibt. Sie funktioniert nur, solange Europa sie wirken lässt. In dem Moment, in dem Europa erkennt, dass es nicht mehr auf eine Korrektur in Washington warten kann, sondern selbst der Akteur ist, von dem die Korrektur ausgehen müsste, hört die Einschüchterung auf zu wirken. Die Frage ist nicht, ob das schwer ist. Die Frage ist, ob es gewollt wird. Die Linie der Selbsterosion ist beschreibbar. Die Linie der Selbsterneuerung ist es auch — sie ist nur noch nicht geschrieben.
IX. Warum diese Karte
Ich habe diese Karte zusammengestellt, weil ich seit den achtziger Jahren gespürt habe, dass etwas dünner wird, ohne dass jemand es offen aussprach. Ich habe in den neunziger Jahren gehofft, mich zu täuschen. Ich habe 2011 gesehen, was viele erst 2016 sahen. Ich habe 2016 nicht mehr hoffen können, mich zu täuschen.
Was ich heute sehe, ist nicht die Bestätigung einer Hoffnungslosigkeit. Es ist die Notwendigkeit, das Gesehene festzuhalten, bevor es sich der Erinnerung entzieht. Die Erinnerung an Mossadeq ist heute wackliger als vor zehn Jahren. Die Erinnerung an Rabia entgleitet, weil keine westliche Erzählung sie einsammelt. Die Erinnerung an 1989 wird verzerrt, weil sie immer mehr zu einem rein westeuropäischen Triumphmoment verkleinert wird, ohne Tian’anmen, ohne die Tatsache, dass dieselben Bewegungen anderswo niedergeschlagen wurden.
Wer die Linie sieht, kann nicht mehr behaupten, das, was 2025 in Washington geschieht, sei ohne Vorgeschichte. Wer die Linie sieht, kann nicht mehr glauben, dass Europa von der Bewegung unbeeinträchtigt bleiben kann, solange es nur die richtigen Regulierungen erlässt. Wer die Linie sieht, weiß, dass die Verteidigung der offenen Gesellschaft nicht mit Selbstverständlichkeit geschieht, sondern mit Anstrengung — und dass die Anstrengung in vielen Fällen historisch unterblieben ist.
Diese Karte ist mein Versuch, das Sichtbare sichtbar zu halten. Sie ist Auswahl, nicht Vollständigkeit. Sie ist Argument, nicht Chronik. Sie ist mein Beitrag zu einer Erinnerung, die schmal geworden ist und schmaler zu werden droht.
Wer die Karte liest, wird seine eigene Schlüsse ziehen. Das ist beabsichtigt. Aber wer sie liest und nichts findet, was er vorher nicht wusste, hat sie nicht wirklich gelesen.
Nicole Battistini-Kohler · Mai 2026 · Erweiterte Fassung