Think Tank · Lange Linien · Teil IV von V
Vom Verschwinden des ganzen Menschen
Kulturhistorische Tiefenstruktur: Die Reihe der Großintellektuellen, die zwischen Disziplinen arbeiten konnten — Eugen Huber, Max Weber, Hannah Arendt, Ralf Dahrendorf — ist ausgestorben. Was waren die Bedingungen ihres Entstehens? Wer trägt heute, dispergiert und unsichtbar, was früher eine intellektuelle Klasse war?
Eine kleine Geschichte des umfassenden Denkens und seiner Wiederkehr
I. Bern, im Sommer 1893
Eugen Huber ist müde. Er ist seit Jahren unterwegs. In den Kantonen Wallis, Tessin, Graubünden, Schwyz, Appenzell, Glarus hat er Notare, Bauern, Gemeindepräsidenten, Pfarrer, Talschaftsverwalter aufgesucht, hat Akten gelesen, die seit Jahrhunderten in Truhen lagen, hat Gewohnheitsrechte rekonstruiert, die niemand zuvor systematisch erfasst hatte. Sein Auftrag, vor zwei Jahrzehnten erteilt, war scheinbar einfach: dem jungen Bundesstaat ein einheitliches Zivilrecht zu schenken, ein gemeinsames Gesetzbuch für 22 Kantone, drei Sprachen, zwei Konfessionen, urbane Banken und alpine Genossenschaften. Tatsächlich war es eine fast unmögliche Aufgabe.
Huber ist Jurist, aber nicht nur. Er hat in Basel und Berlin Recht studiert, in Heidelberg promoviert, ist Professor in Basel und Halle gewesen, später in Bern, hat als junger Mann für die Neue Zürcher Zeitung als Redakteur Tagespolitik geschrieben, ist in der Folge Mitglied des Berner Großen Rats und des Nationalrats geworden. Er liest Goethe, Schiller, Burckhardt, Mommsen. Er kennt die historische Rechtsschule Friedrich Carl von Savignys ebenso wie die soziologische Wende Otto Gierkes. Er weiß, dass Recht nicht aus Paragraphen gemacht wird, sondern aus den langen Lebensformen einer Gesellschaft.
Was er aus den Kantonen mitbringt, ist deshalb nicht eine juristische Materialsammlung, sondern eine ethnographische Vermessung der Schweiz. System und Geschichte des schweizerischen Privatrechts, vier Bände, erscheint zwischen 1886 und 1893. Es ist eines der erstaunlichsten Bücher, die ein Jurist je geschrieben hat — eine Verbindung von Rechtsgeschichte, Soziologie, Wirtschaftsgeschichte, Verfassungstheorie und kantonaler Topographie, geschrieben in einer Prosa, die sich zu lesen lohnt, auch wenn man nichts vom Recht weiß.
Auf dieser Grundlage entwirft Huber das schweizerische Zivilgesetzbuch. Es tritt 1912 in Kraft. Es ist bis heute eines der ältesten ungebrochen geltenden modernen Zivilgesetzbücher der Welt. Sein bekanntester Satz — Artikel 2: „Jedermann hat in der Ausübung seiner Rechte und in der Erfüllung seiner Pflichten nach Treu und Glauben zu handeln“ — ist nicht juristisches Routinematerial, sondern eine ethische Haltung, codifiziert. Hubers Werk wird in der Türkei, in Lateinamerika, in Teilen Asiens nachgebildet. Es ist die Schweiz, die der Welt etwas zu schenken hat.
Eugen Huber ist kein Spezialist. Er ist ein ganzer Mensch.
Eine Vorbemerkung zum Titel. „Verschwinden“ ist überscharf, und der Text korrigiert sich an mehreren Stellen selbst – mit den Figuren von „Wer übrig blieb“, mit dem „Wiederbeginn“ in dispergierter Form, mit dem schließenden „es kommt zurück, weil es nie ganz weg war“. Was wirklich geschah, lässt sich genauer beschreiben: verwandelt statt verschwunden, dispergiert statt ausgestorben, in andere Trägerschichten und andere Formate übersetzt. Der Titel hält an „Verschwinden“ fest, weil das die emotionale Wahrnehmung trifft, die ein heutiger Leser hat, wenn er die alte Konstellation sucht und nicht findet. Die analytische Schärfe ist eine andere: Was hier beschrieben wird, ist eine Verlagerung, die viel verloren und einiges gewonnen hat – und deren Bilanz noch nicht geschlossen ist.
II. Was das war
Es gibt ein deutsches Wort dafür, das im Englischen kein Äquivalent hat: Bildung. Es bezeichnet weder Ausbildung noch Erziehung noch Wissen. Es bezeichnet die Formung eines Menschen durch die geduldige Auseinandersetzung mit dem, was vor ihm gedacht, geschrieben, geschaffen worden ist. Wilhelm von Humboldt hat den Begriff in den Verfassungsentwürfen für die Berliner Universität von 1810 zu seiner modernen Gestalt gebracht: Bildung durch Wissenschaft. Der Sinn der Universität ist nicht die Vermittlung von Berufswissen. Ihr Sinn ist, dass der Mensch durch das Studium zu sich selbst kommt — als denkender, urteilender, handlungsfähiger.
Diese Idee war neu. Sie löste die alte Trennung zwischen den vier Fakultäten — Theologie, Recht, Medizin, Philosophie — nicht auf, aber sie ordnete sie neu: Die philosophische Fakultät, die früher die Vorbereitung auf die drei „höheren“ gewesen war, wurde zur eigentlichen Mitte der Universität. Hier sollte der Mensch geformt werden, bevor er Spezialist wurde. Der Jurist sollte zuerst Goethe lesen, der Mediziner zuerst Kant, der Theologe zuerst Aristoteles. Erst auf dieser Grundlage durfte er Spezialist werden.
Aus dieser Idee erwuchs ein Typus, den Europa später in vielen Variationen hervorbringen sollte. Goethe selbst war einer: Jurist, Dichter, Naturwissenschaftler, Minister im Herzogtum Sachsen-Weimar. Alexander von Humboldt, Wilhelms Bruder, war einer: Geologe, Botaniker, Klimaforscher, Reiseschriftsteller, preußischer Diplomat. Jacob Burckhardt war einer: Historiker, Kunstkritiker, christlicher Humanist, dessen Kultur der Renaissance in Italien von 1860 bis heute kein Buch der Kunstgeschichte ist, sondern ein Buch des Lebens. Theodor Mommsen war einer: klassischer Philologe, Rechtshistoriker, Reichstagsabgeordneter, Nobelpreisträger für Literatur 1902. Friedrich Carl von Savigny, der Begründer der historischen Rechtsschule, war einer; Otto Gierke, der die Genossenschaftslehre in moderne Soziologie überführte, war einer.
Der größte unter ihnen, vielleicht, war Max Weber. Doktor der Rechte, Professor für Nationalökonomie, Gründervater der Soziologie, Religionswissenschaftler, Verfassungsberater bei der Weimarer Reichsverfassung 1919. Sein Werk — Wirtschaft und Gesellschaft, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Politik als Beruf, Wissenschaft als Beruf — durchzieht alle Disziplinen, die wir heute getrennt halten. Weber wäre an einer modernen Universität nicht mehr berufungsfähig. Er hätte in keine Berufungskommission gepasst. Sein Themenkreis ist heute auf fünf bis sieben Lehrstühle verteilt.
Diese Reihe lässt sich erweitern, und sie muss erweitert werden, weil das, was ich gerade aufgezählt habe, eine bestimmte Konstruktion ist: norddeutsch, protestantisch, fast ausschließlich männlich. Die volle Geschichte ist breiter. Hermann Cohen, der Marburger Neukantianer, war einer — sein Spätwerk Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums von 1919 ist ein philosophisch-theologisches Gegenstück zu Weber. Franz Rosenzweig, sein Schüler, war einer; sein Stern der Erlösung, im Schützengraben des Ersten Weltkriegs auf Postkarten an die Mutter entworfen, bewegt sich zwischen Philosophie, Theologie und jüdischer Tradition mit einer Souveränität, die heute kein akademischer Theologe und kein akademischer Philosoph mehr aufbringt. Martin Buber war einer — Religionsphilosoph, Übersetzer der hebräischen Bibel (gemeinsam mit Rosenzweig), Soziologe, Pädagoge. Die jüdische Bildungstradition war keine Nebenlinie der deutschen, sondern eine ihrer tragenden Säulen; ohne sie sind Weber, Freud, Adorno, Arendt nicht denkbar.
Und es gab Frauen, auch wenn die Institutionen ihnen jahrzehntelang den Zugang verweigerten. Rahel Varnhagen hat in ihrem Berliner Salon zwischen 1790 und 1820 jenes Gespräch zwischen Disziplinen erst möglich gemacht, das Humboldt später institutionalisierte — Schleiermacher, die Brüder Schlegel, Heine, Hegel sind dort ein- und ausgegangen. Helene Lange, Pädagogin, hat die deutsche Frauenbildung um 1900 mit einer Kombination aus pädagogischer Theorie, politischer Praxis und essayistischer Prosa geprägt, die in ihrer Breite nur mit Männern derselben Generation vergleichbar ist. Käte Hamburger, Schülerin Cassirers, hat in der Logik der Dichtung von 1957 das geleistet, was kaum noch jemand leistet: literaturwissenschaftliche Analyse mit voller philosophischer Tiefe. Edith Stein, Husserls Assistentin und Mitarbeiterin an Ideen II, hat phänomenologische Genauigkeit mit theologischer Reflexion verbunden, bevor sie 1942 in Auschwitz ermordet wurde.
In der Schweiz lebte derselbe Typus, oft leiser, weil das Land kleiner war. Carl Hilty, Berner Staatsrechtler, war zugleich Theologe, Pädagoge und einer der meistgelesenen Lebensphilosophen seiner Zeit. Jacob Burckhardt war es. Der Genfer Pädagoge Jean Piaget, der das moderne Verständnis der kindlichen Erkenntnisentwicklung prägte, war auch Biologe, Logiker und Wissenschaftstheoretiker.
Die Figur war nicht auf den deutschen Sprachraum beschränkt. Sie hatte Gegenstücke in mehreren europäischen und atlantischen Traditionen, mit ähnlicher Breite, oft anderem Akzent. Alexis de Tocqueville verband Verfassungsrechtler, Soziologen, Politiker und Reiseschriftsteller in einer Person; sein De la démocratie en Amérique ist bis heute Ethnographie, politische Theorie und Stilkunst in einem. Émile Durkheim und später Raymond Aron hielten in Paris den Bogen zwischen Philosophie, Soziologie und politischer Reflexion offen. Benedetto Croce dominierte das italienische Geistesleben des frühen zwanzigsten Jahrhunderts als Historiker, Philosoph, Literaturkritiker und Politiker zugleich; Antonio Gramsci schrieb in der Haft Mussolinis die Quaderni del carcere, in denen sich politische Theorie, Kulturkritik, Sprachphilosophie und Bildungstheorie durchdringen. In Großbritannien verkörperten John Stuart Mill, R. H. Tawney, später Isaiah Berlin den gleichen Typus — Ökonom, Philosoph, Sozialhistoriker, Politiktheoretiker in einer Person. In den Vereinigten Staaten waren es John Dewey, Walter Lippmann, Reinhold Niebuhr und in der Folgegeneration Susan Sontag. Hannah Arendt selbst stand zwischen den Traditionen. Die Liste ist nicht erschöpfend; sie zeigt nur, dass das, was diese Reihe an deutschsprachigen Beispielen entwickelt, eine europäisch-atlantische Bildungsform war, deren Verschwinden auch eine europäisch-atlantische Wirkung hat.
Was alle diese Menschen verband, war nicht Vielseitigkeit als Hobby. Es war eine Integration: Sie konnten zwischen Disziplinen arbeiten, weil sie die Tiefenstruktur der einzelnen Disziplinen verstanden hatten und die gemeinsamen Wurzeln sahen. Wer Goethe gelesen hatte, sah in einer juristischen Norm noch die Spuren des Naturrechts. Wer Burckhardt gelesen hatte, las eine ökonomische Statistik wie ein kulturhistorisches Dokument. Wer Weber gelesen hatte, verstand, dass die Eigentumsordnung einer Gesellschaft nichts anderes ist als ihre versteckte Theologie.
Das ist es, was heute fehlt. Nicht Information. Nicht Spezialwissen. Sondern Integration.
III. Die Bedingungen, unter denen es entstand
Dieser Typus war kein Naturphänomen. Er war das Produkt einer bestimmten gesellschaftlichen Konstellation, die zwischen etwa 1810 und 1933 in Mitteleuropa bestand und seitdem nirgendwo mehr ganz hergestellt worden ist.
Erstens: ein Bildungssystem, das auf die Antike aufbaute. Wer in einem deutschen oder schweizerischen Gymnasium das Abitur ablegte — und das taten zwischen 1860 und 1933 nicht mehr als drei bis fünf Prozent eines Jahrgangs —, hatte Latein neun Jahre und Griechisch sechs Jahre studiert. Er konnte die Aeneis übersetzen, kannte Platon im Original, hatte Cicero, Tacitus, Sophokles in Auszügen gelesen. Diese sprachliche Tiefe war kein Selbstzweck. Sie schuf eine Resonanz mit zweitausend Jahren europäischer Geistesgeschichte, die niemand wieder reproduziert hat. Wer Cicero auf Latein gelesen hatte, las das BGB anders.
Zweitens: ein Universitätsmodell, das auf Bildung statt Spezialisierung zielte. Der Ordinarius an einer deutschen Universität war nicht nur Forscher, sondern auch öffentliche Figur, kultureller Repräsentant, oft politisch aktiv. Er hielt im Wintersemester eine Vorlesung über das eigene Spezialgebiet und im Sommersemester eine allgemeinbildende, zu der die ganze Stadt kam. Burckhardt hat in Basel jahrzehntelang seine Geschichtsvorlesungen vor einem Publikum gehalten, das aus Studenten, Bürgern, Hausfrauen und durchreisenden Intellektuellen bestand. Das war normal, nicht außergewöhnlich.
Drittens: eine soziale Schicht, die diesen Typus trug. Das deutsche und schweizerische Bildungsbürgertum — Beamte, Pfarrer, Ärzte, Anwälte, Lehrer, leitende Angestellte — war eine Klasse mit eigener Kultur. Sie hatte ihre Salons, ihre Lesegesellschaften, ihre Sonntagskonzerte, ihre Familien-Bibliotheken, ihre Sommerfrische, in der man bei Tisch über Bücher sprach. In Basel gab es die Lesegesellschaft, in Zürich das Lesezirkel Hottingen, in München die Schwabinger Salons. Diese Schicht las gemeinsam. Sie diskutierte gemeinsam. Sie produzierte Leser, die das Werk eines Max Weber kaufen und auch zu Ende lesen konnten.
Viertens: ein öffentliches Sprachvermögen. Die deutschen, österreichischen und schweizerischen Zeitungen der Vorkriegszeit waren intellektuelle Foren auf einem Niveau, das heute schwer vorstellbar ist. Die Frankfurter Zeitung, die Vossische Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung, die Wiener Neue Freie Presse publizierten lange Aufsätze von Soziologen, Juristen, Schriftstellern, die nicht für ihre Disziplin schrieben, sondern für eine gebildete Öffentlichkeit. Walter Rathenau, der spätere Außenminister der Weimarer Republik, war zugleich Industrieller (AEG), Romanschreiber, Philosoph der Mechanisierung und Essayist. Hugo von Hofmannsthal schrieb Lyrik, Drama, Libretti für Strauss und politische Aufsätze gegen die Mediokrisierung Europas. Die Trennung zwischen Akademikern, Schriftstellern und Politikern existierte nicht.
Fünftens: eine theologische Tiefenkenntnis. Auch wer nicht gläubig war, kannte die Bibel, kannte Augustinus, kannte Luther, kannte Pascal. Diese theologische Schicht war die unsichtbare Tiefe der europäischen Bildung. Marx hatte Hegel gelesen, Hegel hatte Luther gelesen, Luther hatte Augustinus gelesen, Augustinus hatte Paulus gelesen. Wer dieser Kette folgte, verstand, dass europäisches Denken in jeder Generation auf der vorigen aufbaute. Heute, wo theologische Literacy fast vollständig verschwunden ist, bricht diese Kontinuität.
Sechstens, und das gehört zur Ehrlichkeit der Beschreibung: Diese Bedingungen waren selektiv. Drei bis fünf Prozent eines Jahrgangs sind nicht die Gesellschaft, sondern ihre Oberkante. Frauen wurden in Preußen erst ab 1908, in der Schweiz je nach Kanton zwischen 1872 und den 1920er-Jahren zum Universitätsstudium zugelassen; das humanistische Gymnasium war ihnen noch länger versperrt. Juden hatten formal seit 1869 (Norddeutscher Bund) bzw. 1871 (Deutsches Reich) gleichen Zugang, aber Ordinariate erreichten sie selten ohne Konversion; die Berufungsstatistik der deutschen juristischen Fakultäten zwischen 1900 und 1933 ist eine Studie in stiller Diskriminierung. Die ländliche Bevölkerung, auch wo sie lesen konnte, war von diesem System nahezu vollständig ausgeschlossen. Das Bildungsbürgertum war eine Klasse, und Klassen haben Innen und Außen. Wer die alte Konstellation würdigt, sollte sie nicht idealisieren: Sie war eine Hochkultur auf schmaler Basis, und ein Teil ihrer Tiefe verdankte sich genau dieser Enge.
Daraus folgt eine Doppelheit, die jedes ehrliche Sprechen über das Verschwinden des ganzen Menschen tragen muss. Was 1933 zerbrochen ist, war wirklich eine Hochkultur — und es war zugleich eine Klasse, die der Mehrheit der eigenen Gesellschaft den Zugang verwehrt hat. Beides ist wahr. Wer nur das Erste sagt, romantisiert; wer nur das Zweite sagt, übersieht, was tatsächlich verloren wurde und wofür kein Ersatz da war. Die Aufgabe ist nicht, sich zwischen den beiden Sätzen zu entscheiden, sondern beide zugleich auszuhalten. Was im Folgenden als Bruch beschrieben wird, ist beides — das Ende einer schmal getragenen Tiefe und das Ende einer engen Schicht. Die Trauer über das eine schließt die Nüchternheit über das andere nicht aus.
IV. Was zerbrach
Die Katastrophe kam in zwei Wellen.
Die erste war 1914. Der Erste Weltkrieg zerstörte das Vertrauen darauf, dass die europäische Bildung zum Frieden führe. Die deutsche Universität war in den Krieg gezogen wie der Rest der Gesellschaft, und ihre prominentesten Vertreter hatten den Aufruf der 93 unterzeichnet — Max Planck, Ernst Haeckel, Wilhelm Röntgen, Wilhelm Wundt —, der den Krieg als deutschen Kulturkampf rechtfertigte. Thomas Mann schrieb 1915 die Betrachtungen eines Unpolitischen, in denen er die deutsche Kultur gegen die „westlichen“ Werte verteidigte; er sollte zehn Jahre später den entgegengesetzten Standpunkt vertreten, aber der Riss blieb. Stefan Zweig hat das alles in der Welt von Gestern, 1942 in Petrópolis fertig gestellt, beschrieben mit der Klarheit eines Mannes, der wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. Drei Wochen nach Vollendung des Manuskripts hat er sich, gemeinsam mit seiner Frau, das Leben genommen.
Die zweite Welle war 1933. Sie war endgültig.
Innerhalb weniger Monate wurden die jüdischen Hochschullehrer aus den deutschen Universitäten entfernt. Hans Kelsen verließ Köln, ging über Genf nach Berkeley. Edmund Husserl wurde aus Freiburg verbannt. Karl Jaspers verlor Frau und Lehrstuhl. Theodor Adorno und Max Horkheimer flohen über Genf nach New York und später Los Angeles. Hannah Arendt floh über Paris nach Lissabon und dann nach New York. Ernst Cassirer ging nach Oxford, dann Yale. Erich Auerbach schrieb Mimesis, eines der größten Bücher der europäischen Literaturwissenschaft, im Istanbuler Exil, ohne deutsche Bibliothek. Walter Benjamin starb 1940 auf der Flucht in Portbou an der spanisch-französischen Grenze. Edith Stein wurde 1942 in Auschwitz ermordet, Franz Rosenzweig war 1929 nach jahrelanger Lähmung gestorben — er hat das, was kam, nicht mehr erlebt.
Wer blieb, war oft kompromittiert. Martin Heidegger hielt 1933 als Freiburger Rektor seine Antrittsrede zur Selbstbehauptung der deutschen Universität, in der er die nationalsozialistische Bewegung philosophisch nobilitierte. Carl Schmitt, der brillanteste Staatsrechtler seiner Generation, wurde „Kronjurist des Dritten Reiches“ und beriet bei der Ausarbeitung der Nürnberger Gesetze. Beide kamen nach 1945 nie in eine geistige Klärung dessen zurück, was sie getan hatten. Beide Werke leben weiter, aber man sollte sich keine Illusion darüber machen, was das heißt. Schmitts Antisemitismus war kein Begleitumstand, sondern ein Strukturelement seines Denkens — die Freund-Feind-Logik der politischen Theologie hatte einen konkreten Adressaten, und das hat Schmitt selbst noch in den 1947 verfassten Glossarium-Notizen, die erst 1991 publiziert wurden, mit verstörender Klarheit ausgesprochen. Bei Heidegger haben die seit 2014 publizierten Schwarzen Hefte gezeigt, was vorher zu ahnen war: dass der Antisemitismus systematisch in das Denken des Seins selbst eingewoben ist — nicht eine Verirrung, sondern ein Strukturmoment. Wer Schmitt und Heidegger heute liest, kann das tun; aber er liest gegen die Texte, nicht mit ihnen. Sie sind nicht Klassiker mit einer Schattenseite, sondern Werke, deren analytische Schärfe zugleich ihre moralische Hypothek begründet.
Walter Rathenau war schon 1922 in Berlin von rechtsextremen Attentätern erschossen worden. Carl von Ossietzky starb 1938 an den Folgen der KZ-Haft. Ödön von Horváth wurde 1938 in Paris von einem herabstürzenden Ast erschlagen, auf der Flucht vor dem Anschluss Österreichs.
Was diese Menschen gemeinsam hatten, war, dass sie nicht ersetzt wurden. Eine intellektuelle Tradition, die über vier Generationen aufgebaut worden war, brach. Die Überlebenden in der Emigration hatten mit dem Überleben zu tun, oft auch mit dem Verlust ihrer Sprache. Die Zurückgekehrten — Adorno und Horkheimer kamen 1949 nach Frankfurt, Hans Kelsen kam nie zurück — fanden eine Universität vor, die sich umorganisierte: nach amerikanischem Modell.
Der Bruch war damit nicht nur ein Bruch der Köpfe; er war auch ein Bruch jener Sprache, in der bestimmte Fragen noch hätten gestellt werden können. Die intellektuelle Schicht, die zwischen den Disziplinen hindurch arbeitete, brach nicht nur weg, weil die Spezialisierung sie überholte und die Massenuniversität sie nicht mehr formen konnte. Sie brach auch weg, weil die politischen Fragen, für die man sie gebraucht hätte — die Doppelmoral des Westens, die Asymmetrie der eigenen Werte, die Linie, die von 1953 über Vietnam und den Irak bis nach Rabia führt —, in der öffentlichen Sprache keinen institutionellen Raum mehr fanden. Wer hätte 2011 über Ägypten sagen sollen, was Dahrendorf 1989 über Mitteleuropa gesagt hätte? Niemand stand mehr bereit.
V. Die andere Universität
Das amerikanische Universitätsmodell, das nach 1945 weltweit zum Standard wurde, ist nicht Humboldts Modell. Es ist ein anderes Tier. Es ist auf Forschungsproduktivität optimiert, auf Veröffentlichung in begutachteten Fachzeitschriften, auf Drittmitteleinwerbung, auf Spezialisierung. Der amerikanische Professor hat nicht den kulturellen Auftrag des deutschen Ordinarius. Er hat ein anderes Mandat: tiefer zu graben, schmaler zu werden, in seinem Feld der weltweit Beste zu sein.
Das ist nicht schlecht. Es hat enorme Erträge geliefert — die amerikanische Forschungsuniversität ist die produktivste wissenschaftliche Institution, die je existiert hat. Molekularbiologie, Computerwissenschaft, statistische Methoden, kosmologische Präzision, klinische Pharmakologie, die Detektion von Higgs-Boson und Gravitationswellen: All das ist Ertrag der disziplinären Spezialisierung. Ein Großteil dessen, woran wir heute Lebensdauer, Krankheitsbewältigung und technologische Möglichkeit messen, ist ohne diese Vertiefung nicht denkbar. Wer das alte Modell zurückwünscht, sollte das mitwissen: Die Spezialisierung hat Erkenntnisräume geöffnet, die der ganze Mensch des Bildungsbürgertums nie hätte betreten können. Aber sie produziert keinen Burckhardt, keinen Weber, keinen Eugen Huber. Sie produziert Spezialisten, die in ihrem Spezialgebiet brillant sind und in allem anderen meist normal gebildet, oft weniger.
Der Wechsel des Modells war nicht das Resultat einer Entscheidung, sondern ein langsamer, kaum bemerkter Prozess. Die deutschen Universitäten wurden nach 1945 von den Alliierten reformiert; bei dieser Reform setzte sich, ohne dass es ausgesprochen wurde, das Prinzip der Spezialisierung gegen das Prinzip der Bildung durch. Die Ordinarienverfassung wurde durch Lehrstuhlstrukturen ersetzt, die Promotionsanforderungen amerikanisiert, die Berufungsverfahren durch Drittmitteleinwerbung gewichtet. Der Bruch verlief unscharf, gestaffelt über Fächer, Familien und Biographien: Die Generation, die in den 1960er-Jahren ihre Habilitation abschloss, trug häufig noch die alte Bildung; die Generation, die zwanzig Jahre später promovierte, hatte sie meistens nicht mehr. Es war keine harte Kante, sondern eine driftende Linie — aber sie verlief.
1968 brachte die Massenuniversität. Was Humboldt für drei Prozent eines Jahrgangs entworfen hatte, sollte nun für dreißig oder vierzig Prozent funktionieren. Es konnte das nicht. Die Massenuniversität verlangte Standardisierung, Modularisierung, Vergleichbarkeit; das Bologna-System ab 1999 war nur die Endstufe einer Logik, die seit den 1970er-Jahren wirkte. Der Bachelor-Master-Doktor-Karrierepfad ist eine Spezialisierungskette. Er produziert das, wofür er konstruiert ist. Was er nicht produziert, ist der ganze Mensch.
Parallel verschwanden die anderen Bedingungen. Latein und Griechisch wurden in den Schulen zurückgedrängt; heute gibt es im deutschsprachigen Raum kaum mehr Maturanden, die einen lateinischen Originaltext flüssig lesen können. Die Lesegesellschaften lösten sich auf. Die intellektuellen Zeitungen verloren Auflage und Niveau — die Frankfurter Zeitung gibt es nicht mehr, die FAZ ist eine andere Zeitung; die NZZ und die Zeit halten Inseln, aber das Zeitungsökosystem als Ganzes ist dünn geworden. Die theologische Literacy verschwand mit der Säkularisierung. Die Familien-Bibliothek verschwand mit dem Fernseher und dann mit dem Smartphone.
Der ganze Mensch verschwand also nicht durch eine einzelne Entscheidung, sondern durch das Verschwinden der ökologischen Nische, in der er hatte wachsen können. Eine Eiche fällt nicht, weil sie geschlagen wird. Eine Eiche fällt, weil das Grundwasser fehlt, das Klima sich ändert, der Wald um sie herum gerodet wurde.
Eine ehrliche Bilanz muss aber auch sagen, was an die Stelle getreten ist. Die Massenuniversität, die das alte Modell nicht ersetzen konnte, hat gleichzeitig getan, was das alte Modell nie tat: Sie hat die akademische Bildung für Frauen, für Arbeiterkinder, für die ländliche Bevölkerung, für jüdische und später migrantische Schichten geöffnet. Eine Frau, die 1880 in Basel oder Berlin keinen Zugang zum humanistischen Gymnasium hatte und deren Tochter den Zugang in den 1920er Jahren mühsam erstreiten musste, sieht heute ihre Urenkelinnen an Universitäten studieren, die strukturell offen sind. Das ist kein Tausch — die alte Tiefe ist nicht erhalten geblieben —, aber es ist ein Gewinn, der zur Geschichte gehört, wenn die Geschichte nicht romantisiert werden soll. Was zerbrach, war eine Hochkultur. Was wuchs, war eine Breite, die das alte System nie zugelassen hätte. Beides geschah, und beides muss benannt werden, wenn die Bilanz tragen soll.
VI. Wer übrig blieb
Es gab nach 1945 noch einzelne Vertreter des alten Typus, oft als melancholische Figuren in einer Welt, die ihre Sprache nicht mehr sprach.
Theodor Heuss, der erste Bundespräsident der Bundesrepublik, war einer. Journalist bei der Hilfe unter Friedrich Naumann, Kunstkritiker, Biograph (eine bedeutende Friedrich-Naumann-Biographie 1937), Reichstagsabgeordneter, Mitunterzeichner des Ermächtigungsgesetzes 1933 — ein Punkt, der ihn lebenslang verfolgte —, dann Schriftsteller im Verbot, später Gründervater der FDP, schließlich Bundespräsident. Heuss konnte mit Adenauer, mit Albert Schweitzer und mit Ernst Jünger gleichermaßen reden, weil er aus einer Welt kam, in der man das alles war.
Ralf Dahrendorf war einer. Soziologe, Mitglied des Deutschen Bundestags, EU-Kommissar, Direktor der London School of Economics, Lord im House of Lords, Kolumnist der ZEIT. Ein Mensch zwischen Deutschland und England, zwischen Wissenschaft und Politik, zwischen analytischer Schärfe und essayistischer Eleganz. Sein Buch Reisen nach innen und außen von 1984 ist ein Selbstporträt einer aussterbenden Spezies.
Hannah Arendt, in New York, war eine. Sie weigerte sich, Philosophin zu heißen — sie nannte sich Schriftstellerin —, weil das deutsche Wort Philosoph sie an Heideggers Verrat erinnerte. Sie schrieb in einer Sprache, die Englisch war und gleichzeitig nicht ganz Englisch, ein Englisch, das aus Königsberg und Marburg kam.
Hans Magnus Enzensberger war einer. Lyriker, Essayist, Herausgeber des Kursbuchs, Übersetzer aus dem Spanischen und Italienischen, Erfinder der Anderen Bibliothek, ein Mensch, der mit der gleichen Sorgfalt ein Gedicht und eine Statistik analysieren konnte. Er starb 2022. Sein Tod war eine Zäsur, die kaum bemerkt wurde, weil das Bewusstsein dafür fehlte, was mit ihm endete.
Jürgen Habermas lebt noch, im Frühjahr 2026, hochbetagt. Er ist vermutlich der letzte deutsche Denker, dessen Werk die alte Integration zwischen Philosophie, Soziologie, Verfassungsrecht und Öffentlichkeitstheorie noch in voller Breite trägt. Wenn er stirbt, geht eine Linie zu Ende, die zu Kant zurückreicht.
In der Schweiz hat es solche Figuren gegeben — Adolf Muschg, Hugo Loetscher, Peter Bichsel als literarisch-essayistische Stimmen; Kurt Imhof als soziologischer Öffentlichkeitsforscher mit kulturkritischer Tiefe —, aber das Verschwinden trifft die Schweiz so wie Deutschland und Österreich.
Auch unter Frauen gab es solche Figuren, oft mit einer biographischen Härte, die die männlichen Vertreter selten durchlaufen mussten. Ricarda Huch, die 1933 als einzige aus der Preußischen Dichterakademie austrat und damit Brot und Position riskierte, war eine. Marie Luise Kaschnitz, die zwischen Lyrik, Erzählung, Essay und Tagebuch eine Form fand, die heute kein Lehrstuhl mehr halten könnte, war eine. Nach 1945 Bettina Stangneth, deren Eichmann vor Jerusalem historische Recherche, philosophische Analyse und biographische Rekonstruktion zu einem Buch zusammenführt, das in der akademischen Welt keine institutionelle Heimat hat, wohl aber Leserschaft. Carolin Emcke, die Philosophie, Journalismus und politische Praxis verbindet, ohne in eine der drei Welten ganz hineinzugehören. In der Schweiz Iris von Roten, deren Frauen im Laufgitter (1958) als juristische, soziologische, kulturhistorische und politische Analyse zugleich angelegt war, mit einer Breite, die ihr im damaligen Klima nichts als Schaden brachte. Diese Reihe ist kürzer als die männliche. Sie ist nicht leer.
Was diese Menschen verband, war, dass ihre Nachfolger nicht mehr aus der Universität kamen. Die Universität konnte sie nicht mehr produzieren. Sie kamen aus Zwischenräumen: aus der Verbindung von Beruf und Schreiben, von Praxis und Reflexion, von Disziplin und Disziplinüberschreitung.
VII. Warum heute kaum jemand fragt
Die Fragen, die zwischen den Disziplinen liegen, werden heute aus mehreren Gründen kaum gestellt.
Erstens, weil es keine Karriere dafür gibt. Wer in Deutschland oder der Schweiz heute akademisch arbeitet, muss in einem Fach veröffentlichen und in einem Verlag, die ein Berufungsausschuss als ernstzunehmend erkennt. Wer juristisch berät, muss die Erwartungen der Mandanten erfüllen, die selten Bereitschaft haben, für historisch-soziologische Tiefe zu zahlen. Wer journalistisch schreibt, muss in der Aufmerksamkeitsökonomie der digitalen Medien überleben, die für lange Argumentation kaum noch Platz hat. Es gibt keine Stelle, die das umfassende Denken honoriert.
Zweitens, weil es kein Publikum dafür gibt. Das Bildungsbürgertum, das Burckhardt und Weber gelesen hat, existiert in dieser Dichte nicht mehr. Wer heute einen langen Aufsatz über die Verbindung von Pensionsrecht, Forschungsfinanzierung und kultureller Selbsterzählung schreibt, schreibt für eine Leserschaft, die er sich erst suchen muss. Sie existiert, aber sie ist verstreut — ein paar tausend Menschen in Europa, vielleicht zehntausend, die sich noch nie als Klasse begriffen haben.
Drittens, weil die intellektuelle Demut, die solche Fragen verlangen, im professionellen Raum eher sanktioniert als belohnt wird. Wer in einem Mandantengespräch zugibt, dass er gerade über die religionssoziologische Tiefenstruktur der amerikanischen Steuerpolitik nachdenkt, wird selten als Souveränitätssignal gelesen. Eher als Ablenkung. Die professionelle Welt verlangt fokussierte Kompetenz; sie misstraut allem, was nach umfassendem Denken klingt, weil sie es als Inkompetenzkaschierung gelernt hat zu lesen.
Viertens, weil die Eltern und Lehrer, die das nächste Bildungsbürgertum hätten formen müssen, selbst keine mehr waren. Die Kette ist gebrochen. Wer als Jurist heute Latein sprechen, Burckhardt zitieren, Schubert spielen und Eugen Hubers ZGB als Kulturdokument lesen kann, hat das in fast allen Fällen aus Eigenantrieb erworben, oft gegen den Widerstand der eigenen Berufswelt. Das verlangt ein bestimmtes Temperament, das man hat oder nicht hat. Es ist nicht erlernbar, es ist konstitutiv.
VIII. Der Wiederbeginn
Und doch geschieht etwas. Es geschieht leise, dispergiert, oft unbenannt, aber es geschieht.
Adam Tooze, in Cambridge ausgebildet, jetzt Professor an der Columbia, schreibt seinen Newsletter Chartbook an etwa 250.000 Leserinnen und Leser weltweit. Es ist eine Verbindung von Wirtschaftsgeschichte, Geopolitik, Statistik, Kulturkritik — also genau das, was vor hundert Jahren in der Frankfurter Zeitung gestanden hätte. Tooze veröffentlicht zwei- bis dreimal pro Woche, oft 5000 Wörter, oft tiefer als die meisten Fachzeitschriftenaufsätze. Branko Milanović macht ähnliches mit Ungleichheitsforschung; sein 2025 erschienenes The Great Global Transformation, das in mehreren Texten dieser Reihe als Bezugspunkt erscheint, ist die Sorte Werk, die früher in der Frankfurter Zeitung als Fortsetzungsserie ein Bildungsbürgertum erreicht hätte. Helen Thompson tut Vergleichbares mit politischer Ökonomie, Martin Sandbu im Financial Times mit europäischer Wirtschaftspolitik.
Mariana Mazzucato hat zwei Lehrstühle — University College London und Universidade de Lisboa — und arbeitet zwischen Ökonomie, Politik, Innovation, Wissenschaftsphilosophie. Ihre Bücher erscheinen bei Allen Lane, also für eine intellektuelle Öffentlichkeit, nicht für einen Fachverlag. Sie ist von Regierungen beraten worden, von der EU-Kommission, von der WHO. Ihr Werk ist die Wiederkehr des alten Typus in zeitgenössischer Form.
Achille Mbembe, in Kamerun geboren, in Frankreich ausgebildet, jetzt in Johannesburg, ist Historiker, politischer Theoretiker, Postkolonialist und Kulturphilosoph in einem. Er schreibt auf Französisch, wird ins Englische und Deutsche übersetzt. Sein Werk hat den Bogen, den Burckhardt einmal hatte.
Im juristischen Raum gibt es wenige, aber sie existieren. Philippe Sands, Anwalt am Internationalen Strafgerichtshof, Professor in London, Romanautor, dessen East West Street Familiengeschichte, Völkerrechtsgeschichte und ukrainische Stadtgeschichte verbindet. Catherine MacKinnon, die juristische Theorie und feministische Philosophie verbindet. Gunther Teubner, der Systemtheorie und Privatrecht zusammenhält. Cass Sunstein, der Recht, Verhaltensökonomie und politische Theorie überspannt.
In der Schweiz gibt es Stimmen wie Daniel Strassberg, der Psychoanalyse und Philosophie verbindet, oder Sieglinde Geisel, die Literaturkritik im weiten Sinn betreibt. Es gibt Plattformen wie die Republik, die als Versuch entstanden sind, längere Argumentation in einer schmalen Öffentlichkeit zu refinanzieren. Es gibt Andy Yen, der mit Proton ein Unternehmen gebaut hat, das gleichzeitig technologische Architektur, juristische Konstruktion und politische Aussage ist.
Was diese Menschen gemeinsam haben, ist nicht ein Beruf, sondern eine Bewegung: Sie haben sich entschieden, die Integration nicht aufzugeben, obwohl die institutionellen Anreize gegen sie sprechen. Sie zahlen einen Preis dafür — fast immer einen finanziellen, oft einen biographischen, manchmal einen einsamen. Aber sie sind da. Und sie finden einander.
IX. Was gerade entsteht
Die Wiederkehr des umfassenden Denkens vollzieht sich nicht in den Universitäten, sondern an ihren Rändern und außerhalb.
Erstens entstehen neue Plattformen. Substack, die eigene Website, der Podcast, der LinkedIn-Longform-Beitrag, die unabhängige Buchveröffentlichung — das sind die Frankfurter Zeitungen unserer Zeit, mit allen Vorteilen und allen Schwächen. Sie umgehen die akademischen und journalistischen Gatekeeper. Sie erreichen ein Publikum, das nach langer Argumentation hungrig ist, weil es im akademischen und journalistischen Mainstream zu wenig davon findet. Adam Tooze verdient mit Chartbook mehr als die meisten Lehrstuhlinhaber. Die Logik des intellektuellen Marktes stellt sich gerade neu auf.
Zweitens entstehen neue Räume. Das Wissenschaftskolleg zu Berlin, das Kulturwissenschaftliche Institut Essen, das Collegium Helveticum an der ETH Zürich, das Forum für Universität und Gesellschaft in Bern, einzelne Stiftungen, einzelne Salons, einzelne Festivals (Brain Bar Budapest, How to: Academy London) — kleine Inseln, die das Gespräch über Disziplinengrenzen hinweg ermöglichen. Und private Räume: Retreats, Schreibwochen, Lesekreise, Online-Communities, in denen sich finden kann, wer sucht.
Drittens entstehen neue Berufsstrukturen. Die Boutique-Kanzlei, die statt 200 Anwälten zwei oder drei beschäftigt; das eigene Haus, das gleichzeitig Beratung und Reflexion ermöglicht; die Unternehmens-Stiftung, die wirtschaftliche Substanz und intellektuelle Unabhängigkeit verbindet; das Ein-Personen-Forschungsinstitut, das mit ein paar Tausend Substack-Abonnenten finanziert ist. Diese Strukturen sind klein, aber sie sind echte Strukturen. Sie ersetzen die Großinstitution durch die Vielzahl der freien Existenzen.
Viertens entsteht ein neues Publikum. Es ist nicht das alte Bildungsbürgertum, aber es ist auch nicht dessen bloßes Verschwinden. Es ist eine globale, vernetzte, mehrsprachige Schicht von Menschen, die sich nicht über Klasse, sondern über Lesegewohnheit definiert. Sie sind in allen Berufen, in allen Ländern, in allen Generationen. Sie bezahlen für Substack-Abonnements, Bücher, Festivaltickets, Retreats. Sie sind nicht groß genug, um die Massenmedien zu tragen, aber sie sind groß genug, um die Mikrostrukturen zu finanzieren, in denen das umfassende Denken überleben kann.
X. Wie es zurückkommen könnte
Die ehrliche Antwort ist: nicht durch Programme, nicht durch Reformen, nicht durch Wiederherstellung des alten Gymnasiums.
Es kommt zurück, indem einzelne Menschen sich entscheiden, die Integration in sich selbst nicht aufzugeben. Indem sie eine Karriere wählen, die ihnen die Zeit lässt, breit zu lesen. Indem sie auf das Geld verzichten, das die Großkanzlei oder die Großbank gezahlt hätte, weil sie wissen, dass die Großkanzlei und die Großbank ihnen die intellektuelle Substanz absorbieren würden. Indem sie schreiben, auch wenn niemand sie zum Schreiben aufgefordert hat. Indem sie Klavier spielen, auch wenn niemand zuhört. Indem sie ein Mandat ablehnen, das ihre Zeit verschluckt hätte. Indem sie ein Retreat aufbauen, in dem andere Menschen die Erfahrung machen können, was es heißt, anders zu denken.
Es kommt zurück, indem diese Einzelnen sich finden. Nicht in großen Versammlungen, sondern in kleinen. Eine Korrespondenz, eine geteilte Lektüre, ein gemeinsames Projekt, ein Wochenende im Bayerischen Wald oder im Engadin. So sind die Salons des 19. Jahrhunderts entstanden — nicht durch Beschluss, sondern durch wiederholte Begegnung.
Es kommt zurück, indem das, was geschrieben wird, an Orten erscheint, die diese Schicht von Lesenden erreicht. LinkedIn ist heute, ob es einem gefällt oder nicht, einer dieser Orte. Substack ist einer. Die Republik ist einer. Eine eigene Website mit ein paar tausend regelmäßigen Lesern ist einer. Ein Aufsatz im European Company and Financial Law Review ist einer. Der Punkt ist nicht, dass jeder Ort gleichwertig wäre. Der Punkt ist, dass die Pluralität der Orte heute größer ist als zwischen 1950 und 2000, und dass das eine Chance ist, keine Bedrohung.
Es kommt zurück, schließlich, indem die Generation, die heute zwischen vierzig und sechzig ist — Ihre Generation —, sich entscheidet, dass sie nicht die letzte sein will. Die nächste Generation wird das Bildungsbürgertum nicht mehr kennen. Sie wird nicht wissen, dass es einmal selbstverständlich war, dass ein Jurist Burckhardt liest. Aber sie kann es noch lernen, wenn jemand es ihr zeigt. Wer einer jungen Anwältin oder einem jungen Anwalt im eigenen Mandantenkreis einmal sagt, dass das ZGB ein Kulturdokument ist, dass Eugen Huber kein Bürokrat war, sondern ein Mensch, der die Schweiz erforscht hat, der tut etwas, das eine Generation überdauern kann. Wer schreibt, so wie er schreiben kann, hinterlässt eine Spur, an der jemand sich später orientieren kann.
Lina Huber-Weissert starb am 4. April 1910. Eugen Huber begann wenige Wochen darauf, ihr zu schreiben — am 28. April den ersten Brief, dann fast täglich, sieben Jahre lang, bis zu seiner zweiten Heirat 1917. Tausende von Briefen, in denen er ihr berichtete, was geschehen war, wem er begegnet war, was er gelesen hatte, woran er gerade arbeitete. Es war für ihn die Fortsetzung der Gespräche, die sie geführt hatten, solange sie lebte — und es war zugleich die Arbeitsform, in der die Trauer mit dem Tagewerk zusammenhielt. Er hat nicht aufgehört, sich ihr mitzuteilen, solange er es konnte. Er hat nicht aufgehört, ein ganzer Mensch zu sein.
Das ist die Antwort. Es kommt zurück, weil es nie ganz weg war. Es kommt zurück, weil es Menschen gibt, die es weitertragen, ohne zu wissen, dass sie es tragen. Es kommt zurück in einer anderen Form, mit anderen Werkzeugen, an anderen Orten, in einer Stunde, die das, was heute getan wird, noch braucht — aber es kommt zurück.
Nicole Battistini-Kohler · Mai 2026