Think Tank · Reihe

Die lange Linie

Eine Reihe in fünf Bewegungen — über Tech-Souveränität, amerikanische Selbstauflösung, geopolitische Erosion seit 1953, das Verschwinden des umfassenden Denkens, und was tragfähig bleibt.

Eine Reihe in fünf Bewegungen.


Worum es geht

Was wir gerade erleben, ist kein plötzlicher Bruch. Es ist das Sichtbarwerden einer Bewegung, die seit über siebzig Jahren läuft — mit einer einzigen großen Atempause, die wir 1989 nannten.

Diese Reihe versucht, die Linie zu zeichnen. Sie verbindet, was die übliche Diskussion getrennt hält: die strategische Frage nach europäischer Tech-Souveränität, die historische Selbstauflösung des amerikanischen Modells, die lange geopolitische Erosion seit Mossadeq, das kulturelle Verschwinden einer Schicht, die solche Linien früher hätte benennen können, und die praktische Frage, was man in dieser Lage tut.

Die fünf Texte sind eigenständig lesbar. Sie stehen aber in einer inneren Beziehung zueinander. Wer sie in der angegebenen Reihenfolge liest, geht von einem konkreten Anlass über die ökonomisch-historische Vertiefung und die räumlich-zeitliche Chronik zur kulturhistorischen Tiefenstruktur und schließlich zu den Konsequenzen für die eigene Arbeit.

Diese Reihe stellt eine Sehweise zur Verfügung, die das Sichtbare sichtbar hält und die kleinen Strukturen benennt, die in unsicheren Zeiten tragen — geschrieben weder aus Optimismus noch aus Resignation.


Zwei Perspektiven auf dieselbe Bewegung

Im September 2025, während die letzten Texte dieser Reihe entstanden, ist bei Allen Lane The Great Global Transformation. National Market Liberalism in a Multipolar World von Branko Milanovic erschienen. Das Buch beschreibt dieselbe Phase, in der diese Reihe steht — die ökonomisch-politische Großverschiebung zwischen 1979 und 2025 — mit anderen Mitteln und aus einem anderen Blickwinkel. Beide Diagnosen kommen unabhängig voneinander zu strukturell ähnlichen Beobachtungen. Wer sie nebeneinander liest, sieht die Bewegung in einer Schärfe, die keine der beiden allein erreicht.

Ein Hinweis zur Einordnung: Milanovics Verteilungsdaten — die fallende Ungleichheit zwischen den Ländern, die steigende innerhalb — sind in der Ökonomie weitgehend unbestritten. Seine deutende These vom national market liberalism als Nachfolgeordnung des global neoliberalism ist es nicht; sie wird fachlich diskutiert und ist kein abgeschlossener Befund. Diese Reihe stützt sich, wo es um Empirie geht, auf das Erste und übernimmt das Zweite als eine starke, aber prüfbare Lesart, nicht als gesichertes Wissen.

Diese Reihe schreibt aus einem europäischen Standpunkt — nicht in dem Sinn, dass sie Europa zum Mittelpunkt erklärt, sondern dass sie mit europäischen Fragen arbeitet: was die regulatorische Architektur leistet, wenn die ökonomische Substanz fehlt; was der Kontinent erinnert, was Amerika vergisst; welche Linie der Westen sich seit Mossadeq selbst gezogen hat; was an die Stelle einer intellektuellen Schicht treten kann, die ausgestorben ist; welche kleinen Strukturen tragen, wenn die großen brüchig werden. Milanovic schreibt aus einer global vergleichenden Perspektive, mit dem strukturellen Verhältnis der Vereinigten Staaten zu China im Zentrum, und mit den Mitteln der quantitativen Verteilungsökonomie. Beide diagnostizieren dieselbe Bewegung. Sie sehen verschiedene Aspekte.

Eine methodische Selbstverortung gehört zu dieser Aufteilung. Indem die strukturelle Hälfte — Verteilungsdaten, Wachstumsperzentile, datierbare Wenden — an Milanovic und die quantitative Verteilungsökonomie delegiert wird, kann die kulturhistorische Hälfte dieser Reihe essayistisch arbeiten: mit Metaphern (die Republik, die ihr Saatgut isst), mit Diagnosen (eine Klasse, die ausstirbt; ein ganzer Mensch, der dispergiert), mit Bewegungs-Begriffen (Naht, Bruch, Wiederkehr), die in einem strikt empirischen Text gebremst werden müssten. Diese Aufteilung ist produktiv, aber sie hat einen Preis: Die rhetorische Schärfe der kulturhistorischen Seite ist nicht durch dieselbe Datenlast getragen wie die strukturelle. Wer die Reihe liest, sollte das mitwissen — die starken Sätze sind essayistisch lizenziert; ihre Brauchbarkeit als Behauptungen über die Welt steht und fällt mit der parallelen empirischen Linie, an die sie sich anlehnen.

Die ökonomische Tiefenstruktur

Die zentrale Beobachtung Milanovics lässt sich in einem einzigen Diagramm zusammenfassen. Es zerlegt die globale Einkommensungleichheit über zwei Jahrhunderte in ihre beiden Komponenten.

Diese Doppelbewegung ist die ökonomische Tiefenstruktur der Phase, in der diese Reihe steht. 2016 — Brexit, Trump, Le Pen, später Meloni — ist die politische Übersetzung der inneren Spaltung. Was sich in dieser Wahlbewegung artikulierte, war keine Wendung gegen den Marktliberalismus, sondern gegen seine internationale Schicht. Milanovic prägt dafür den Begriff national market liberalism in Abgrenzung zum global neoliberalism der vorhergehenden Phase: Freier Markt, Profitprinzip, starke Eigentumsrechte, Privatisierung bleiben innerstaatlich erhalten — aber die internationalen Komponenten, also freie Arbeitsmobilität, aspirationale globale Gleichheit, multilaterale Regulierung, werden abgewickelt.

1979 als datierbare Wende

Milanovic zeigt empirisch, was diese Reihe in Die Saatgutfresser kulturhistorisch argumentiert: Die distributionspolitische Umkehrung des amerikanischen Wachstumsmodells lässt sich auf ein Datum festlegen.

Reagans Antrittsrede vom Januar 1981 — government is not the solution to our problem; government is the problem — ist die Sprache, die diese Umkehrung politisch hält. Die Umkehrung selbst hat schon 1979 begonnen, mit der prudent-man-Auslegung des US-Arbeitsministeriums, durch die Pensionskapital in Wagniskapitalfonds fließen konnte. Die ökonomische und die rhetorische Wende fallen in dasselbe Jahr — ein Jahr, das in dieser Reihe wiederkehrt, weil es zugleich der innere Begleiter der äußeren Erosion ist, deren Linie Die lange Linie zeichnet.

Normalisierung statt Niedergang

Während diese Reihe die westliche Selbsterosion zeichnet, zeichnet Milanovic die Gegenbewegung.

Aus dieser Bewegung folgt eine Begriffsverschiebung, die für diese Reihe wichtiger ist als jede einzelne Statistik. Was im westlichen Selbstgespräch als Niedergang erscheint — schwindender Einfluss, schrumpfender Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt, Verlust der Hegemonialposition — ist aus der Perspektive der globalen Einkommensverteilung etwas anderes: eine Normalisierung. Der Westen war zwischen etwa 1820 und 1990 in einer historisch beispiellosen Sonderstellung. 1820 lebten in Europa, Nordamerika und Australasien etwa zwanzig Prozent der Weltbevölkerung; sie erwirtschafteten zu Anfang dieser Periode etwa dreißig Prozent, zu ihrem Höhepunkt um 1950 fast siebzig Prozent des Welt-Bruttoinlandsprodukts. Diese Asymmetrie ist nun in Auflösung. 2022 erwirtschaftete der politische Westen mit achtzehn Prozent der Weltbevölkerung vierundvierzig Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Das ist immer noch eine Überrepräsentation, aber sie nähert sich, in einer Bewegung, deren Geschwindigkeit historisch ungewöhnlich ist, einem demographisch proportionalen Anteil an.

Wer diese Bewegung Niedergang nennt, setzt voraus, dass die Sonderstellung der Normalzustand war. Sie war es nicht. Sie war ein zweihundertjähriges historisches Akzidens, getragen von industrieller Revolution, kolonialer Aneignung, zweimaligem militärischen Sieg in den Weltkriegen und einer singulären amerikanischen Hegemonie nach 1945. Diese Konstellation kommt nicht wieder, und das ist nicht Niedergang, das ist Rückkehr zu Verhältnissen, die dem demographischen und ökonomischen Gewicht der Weltregionen entsprechen.

Diese Umetikettierung verändert die Stimmung der ganzen Diagnose. Was diese Reihe in fünf Bewegungen beschreibt — die Erosion der westlichen Werteordnung, die Selbstdemontage der amerikanischen Wissenschaftsarchitektur, das Verschwinden der intellektuellen Schicht, das Brüchigwerden der eleganten Strukturen — ist nicht der Untergang einer Zivilisation. Es ist die Verarbeitung einer Normalisierung, mit der die Zivilisation ihrerseits noch nicht fertig ist. Was wir gerade erleben, ist nicht das Ende. Es ist das Ankommen in einer Welt, in der der Westen einer unter mehreren ist — und in der die Frage nicht mehr lautet, ob er seine Vormachtstellung halten kann, sondern wie er in einer Welt ohne diese Vormachtstellung lebt. Das ist eine andere Frage. Es ist auch eine konstruktivere Frage.

Was diese Reihe versucht

Was am Ende bleibt, sind zwei Linien, die einander tragen. Die ökonomische Linie ist die strukturelle Grundbewegung: Vermögenskonzentration, Mittelschichts-Aushöhlung, Konvergenz zwischen den Ländern, Divergenz innerhalb. Die kulturpolitische Linie, die diese Reihe zeichnet, ist die Bewegung der Selbstbeschreibung — was eine Zivilisation erinnert, was sie vergisst, was sie aus sich macht, wenn ihre strukturelle Vorrangstellung schmilzt. Die strukturelle Bewegung produziert die Bedingungen, unter denen die kulturelle möglich wird. Die kulturelle Bewegung produziert die Sprache, in der die strukturelle politisch wirksam wird. Wer nur die eine sieht, sieht die halbe Sache.

Diese Reihe ist die kulturpolitische Hälfte. Sie geht davon aus, dass die strukturelle Hälfte wichtig ist und dass Milanovic sie präziser zeichnet, als sie hier gezeichnet werden könnte. Sie geht aber auch davon aus, dass die strukturelle Bewegung allein nicht erklärt, warum die kulturelle die Form annimmt, die sie annimmt — warum eine Republik ihr Saatgut isst, warum eine intellektuelle Schicht ausstirbt, warum kleine Strukturen wieder das werden, was sie einmal waren. Diese Fragen brauchen eine andere Perspektive. Die Reihe versucht, sie zur Verfügung zu stellen — nicht als Untergangsbeschreibung, sondern als Versuch, das Sichtbare sichtbar zu halten in einer Welt, die gerade aus einem zweihundertjährigen Ausnahmezustand in etwas anderes übergeht.


Die fünf Bewegungen

I

Strategischer Eingang

Souveränität ohne Kapital ist Bürokratie

Die These am aktuellen Beispiel: Der europäische Gesetzgeber hat ein dichtes Netz digitaler Regulierung errichtet — AI Act, DORA, Data Act, NIS2 — und gleichzeitig nicht die Kapitalarchitektur aufgebaut, die diese Regulierung adressieren könnte. Das Resultat ist ein Schutzregime ohne Schutzobjekt. Mistral als Lehrstück.

II

Ökonomisch-historische Vertiefung

Die Saatgutfresser

Wie kann es sein, dass eine Volkswirtschaft, die nur durch staatliche Vorleistung entstehen konnte, sich heute entscheidet, genau diesen Staat zu demontieren? Eine Geschichte vom Bericht Vannevar Bushs 1945 bis zur DOGE-Verfügung 2025 — und vom amerikanischen Vergessen seiner eigenen Voraussetzungen.

III

Räumlich-zeitliche Chronik mit interaktiver Karte

Die lange Linie

Eine Karte der westlichen Selbsterosion von 1953 bis heute. Mossadeq, Árbenz, Lumumba, Allende, Tian'anmen, Ruanda, Srebrenica, der arabische Frühling, Rabia, 2016, die Ukraine, DOGE — sechsundvierzig Ereignisse in drei Kategorien (Schließung, Öffnung, Wende), verbunden durch einen Begleitessay, der die Zusammenhänge erklärt.

IV

Kulturhistorische Tiefenstruktur

Vom Verschwinden des ganzen Menschen

Die Reihe der Großintellektuellen, die zwischen Disziplinen arbeiten konnten — Eugen Huber, Max Weber, Hannah Arendt, Ralf Dahrendorf — ist ausgestorben. Was waren die Bedingungen, unter denen sie entstand? Warum sind sie weggebrochen? Wer trägt heute, dispergiert und unsichtbar, was früher eine intellektuelle Klasse war? Und wie kommt es zurück?

V

Praktische Konsequenz

Was tragfähig bleibt

Wer die Linie gesehen hat, steht vor der Frage, was man tut. Eine kleine Architektur für hellsichtige Zeiten: keine heroischen Sprünge, keine Resignation. Boutique statt Konzern, Praxis statt Projekt, Allianz statt Institution, längere Zeit statt Aufmerksamkeitszyklen. Wer kleine Dinge ernsthaft baut, baut, was im Großen brüchig wird.


Wie zu lesen

Wer einen schnellen Einstieg sucht, beginnt mit Text I. Er ist konkret und in einer aktuellen Debatte verankert.

Wer Zeit hat und in die Tiefe will, beginnt mit der Karte (Text III). Sie ist räumlich, sie hält das Material zusammen, und der Begleitessay liefert die Sehweise, in der alle anderen Texte stehen.

Wer alle fünf Texte liest, hat eine zusammenhängende Diagnose, die nicht versucht, in einer einzigen These zu münden, sondern eine Sehweise zur Verfügung stellt — mit der Lesende ihre eigene Position finden können.

Die Reihe wird nicht wachsen. Sie ist abgeschlossen, weil sie eine bestimmte Bewegung zu Ende führt. Was später entsteht, wird in einer anderen Form stehen, mit anderen Texten, in anderen Räumen.


Nicole Battistini-Kohler · Mai 2026