Think Tank · Lange Linien · Anhang zu Text I

Europäische Tech-Deals 2005–2026

Anhang zu Text I: Eine kuratierte, nicht erschöpfende Auswahl der für die Souveränitätsdebatte relevanten Vorgänge. Eigentums- und Kontrollverlagerungen, Listing-Standorte, dominierende Kapitalherkunft.

Anhang · Übersicht · 15–18 Min Lesezeit

Eine kuratierte, nicht erschöpfende Auswahl der für die Souveränitätsdebatte relevanten Vorgänge. Schwerpunkt: Eigentums- und Kontrollverlagerungen, Listing-Standorte, dominierende Kapitalherkunft.

I. Übernahmen europäischer Tech-Unternehmen durch außereuropäische Käufer

Frühe Phase (2005–2014): Das Muster entsteht

Skype (Luxemburg/Estland) → eBay 2005 für 2,6 Mrd. USD, dann Microsoft 2011 für 8,5 Mrd. USD. Der Gründungsmythos europäischer Tech-Verluste. Aus dem Skype-Alumnusnetzwerk entstanden später Wise, Bolt, Pipedrive – sie zeigen, was Europa hätte halten können.

MySQL (Schweden/Finnland) → Sun Microsystems 2008 für 1 Mrd. USD, mit Sun dann an Oracle.

Trolltech/Qt (Norwegen) → Nokia 2008, später an Digia.

ILOG (Frankreich) → IBM 2009, ca. 340 Mio. USD.

Autonomy (UK, Cambridge-Spin-off) → Hewlett-Packard 2011 für 11 Mrd. USD. Endete in einem der größten Bilanzskandale der Tech-Geschichte; HP schrieb 8,8 Mrd. USD ab.

Mojang/Minecraft (Schweden) → Microsoft 2014 für 2,5 Mrd. USD.

DeepMind (UK) → Google Januar 2014 für rund 500–650 Mio. USD. Zentrales europäisches KI-Lehrstück: Eine Firma, die heute den globalen KI-Wettbewerb mitbestimmen würde, wurde für einen Bruchteil ihres späteren strategischen Werts veräußert. Auch Facebook hatte Ende 2013 verhandelt.

Mittlere Phase (2015–2020): Die Industrialisierung des Musters

Faceshift (Zürich, ETH-Spin-off) → Apple 2015. Gesichtserkennungstechnologie, ging später in Animoji/Face-ID-Funktionen ein.

Dacuda (Zürich) → Magic Leap 2017. AR-Technologie.

ARM (UK, Cambridge) → SoftBank 2016 für 31 Mrd. USD. Anschließend versuchter Weiterverkauf an Nvidia 2020 für 40 Mrd. USD, gescheitert 2022 an europäischen, britischen und US-Wettbewerbsbehörden. Re-IPO an der Nasdaq 2023 – nicht in London. Hermann Hauser, Mitbegründer der ersten ARM-Architektur, sprach 2020 öffentlich von einem "absoluten Desaster für Cambridge, das Vereinigte Königreich und Europa".

Shazam (UK) → Apple 2018, ca. 400 Mio. USD.

iZettle (Schweden) → PayPal 2018 für 2,2 Mrd. USD. PayPal kam dem geplanten Stockholm-IPO um Tage zuvor.

Instana (Deutschland/Solingen) → IBM 2020. Application-Performance-Monitoring.

Jüngste Phase (2021–2026)

Adjust (Berlin) → AppLovin 2021 für rund 1 Mrd. USD. Mobile-Marketing-Analytics.

Talend (Frankreich) → Thoma Bravo 2021, Take-Private 2,4 Mrd. USD.

Faceshift-Linie verlängert sich: Mehrere ETH-/EPFL-Spin-offs gingen an US-Käufer, u. a. im Computer-Vision- und Robotik-Bereich.

Glovo (Spanien) → Delivery Hero 2022 (immerhin innereuropäisch).

RIVR (vormals Swiss-Mile, ETH-Zürich-Spin-off) → Amazon März 2026. Vierbeinige Lieferroboter, Spezialisierung auf Treppen und unwegsames Gelände, bis zu 60 kg Nutzlast. Amazon und Bezos Expeditions hatten bereits 2024 die 22-Mio.-USD-Seed-Runde geführt – die Übernahme war strukturell vorgezeichnet. Das CEO Marko Bjelonic ist nun Amazon-Mitarbeiter, die Position heißt "VP last-mile delivery automation" (besetzt durch Paolo Pirjanian).

Climeworks (Zürich, ETH-Spin-off): Bisher unverkauft, aber strukturell exponiert. CHF 600 Mio. Eigenkapitalrunde 2022, ko-geführt von Partners Group (Schweiz) und GIC (Singapur). Direct-Air-Capture-Technologie, in den USA expandierend.

II. Börsengänge europäischer Tech-Unternehmen: Wer notiert wo?

An US-Börsen statt in Europa

Criteo (Frankreich) → Nasdaq 2013. AdTech, einer der frühesten Fälle.

Yandex (Russland) → Nasdaq, mittlerweile dekonsolidiert.

Trivago (Deutschland) → Nasdaq 2016. Hotelvergleich, war bereits zu großen Teilen an Expedia veräußert.

Spotify (Schweden) → NYSE 2018, Direct Listing. Bewusste Entscheidung gegen Stockholm.

Sophia Genetics (Schweiz/Lausanne) → Nasdaq 2021. Health-Tech, AI-gestützte Genomanalyse.

On (Schweiz/Zürich) → NYSE 2021. Laufschuhe, an Roger Federer beteiligt. Bemerkenswert: Eines der bekanntesten Schweizer Erfolgsunternehmen jüngerer Zeit listete in New York, nicht in Zürich.

Sportradar (Schweiz/Sankt Gallen, österreichische Wurzeln) → Nasdaq 2021.

UiPath (Rumänien) → NYSE 2021. Robotic Process Automation.

BioNTech (Deutschland/Mainz) → Nasdaq 2019. Vor der Pandemie. Das Unternehmen hinter dem Pfizer-Impfstoff hat seinen primären Listing-Standort in New York.

Cazoo (UK) → NYSE via SPAC 2021. Gebrauchtwagenplattform, später Insolvenz.

Birkenstock (Deutschland) → NYSE 2023. Nach Einstieg von L Catterton (LVMH-nah).

Klarna (Schweden) → NYSE 2025. Spitzenbewertung 2021 bei 45,6 Mrd. USD, Einbruch auf 6,7 Mrd. USD 2022, Listing-Entscheidung dennoch zugunsten New Yorks.

Linde (Deutschland) → Wechsel des Primärlistings von Frankfurt zur NYSE 2018. Industriegas, kein Tech im engeren Sinn, aber Symbolfall für Listing-Migration.

An europäischen Börsen (die seltenen positiven Fälle)

Zalando (Berlin) → Frankfurt 2014. Mode-E-Commerce.

Rocket Internet (Berlin) → Frankfurt 2014. Beteiligungsholding, mittlerweile Going Private.

HelloFresh (Berlin) → Frankfurt 2017.

Delivery Hero (Berlin) → Frankfurt 2017.

Adyen (Niederlande) → Amsterdam 2018. Zahlungsdienstleister, einer der erfolgreichsten europäischen Tech-IPOs überhaupt – und ein Beispiel, wie es gehen könnte.

Just Eat Takeaway (Niederlande) → Amsterdam.

Allegro.eu (Polen) → Warschau 2020.

Deliveroo (UK) → London 2021. Schwacher Start, schwierige Performance.

Wise (UK, ehemals TransferWise) → London 2021, Direct Listing.

Auto1 (Berlin) → Frankfurt 2021.

About You (Hamburg) → Frankfurt 2021. Mode-E-Commerce.

III. Wachstumsfinanzierungen mit prägender außereuropäischer Kapitalführung

Klarna auf dem Höhepunkt 2021: 46 Mrd. USD Bewertung – getragen u. a. von SoftBank Vision Fund 2, Sequoia, Silver Lake.

Revolut (UK) 2021: 33 Mrd. USD bei Tiger Global und SoftBank Vision Fund 2 als Lead-Investoren.

N26 (Berlin): Insight Partners, Tencent, GIC unter den Hauptinvestoren.

Trade Republic (Berlin): Sequoia und Founders Fund prägten die Spätphasenrunden.

Personio (München): Series E 2022, $8,5 Mrd. Bewertung, geführt von Greenoaks Capital (USA).

Celonis (München): Series D 2022, 1,96 Mrd. EUR, geführt von Qatar Investment Authority. Insgesamt mit Accel, Tiger Global, KKR auf der Investorenliste.

Helsing (München, Defense AI): mehrere große Runden geführt von General Catalyst (USA). Eine der politisch heikelsten Konstellationen, weil Defense-Tech.

Mistral AI (Paris): Series A bis B von Andreessen Horowitz, General Catalyst, DST Global getragen. Series C September 2025, 1,7 Mrd. EUR, geführt von ASML (Niederlande) – die seltene und in dieser Auswahl bewusst hervorgehobene Ausnahme einer europäisch geführten Großrunde, allerdings durch einen industriellen, nicht durch einen finanziellen Investor.

DeepL (Köln): $300 Mio. 2024, geführt von Benchmark (USA). Bewertung 2 Mrd. USD.

Northvolt (Schweden, Batterien): Diverse Großrunden mit Goldman Sachs, BlackRock, Volkswagen. Insolvenz Ende 2024, Restrukturierung 2025.

SonarSource (Genf, Code-Qualität): $412 Mio. 2022, geführt von Advent International (USA). Bewertung 4,7 Mrd. USD.

ANYbotics (Zürich, ETH-Spin-off, Robotik): Series B 50 Mio. USD 2024, geführt von Walden Catalyst (USA).

Distalmotion (Lausanne, chirurgische Robotik): Series E 150 Mio. USD 2024, US-Beteiligung.

Climeworks (Zürich): 650 Mio. USD 2022, ko-geführt Partners Group / GIC (Singapur).

IV. Schweizer Schwerpunkt

Die Schweiz hat pro Kopf mehr Tech-Unicorns als jedes andere europäische Land. ETH Zürich und EPFL Lausanne sind Inkubatoren von Weltrang. Die strukturelle Schwäche zeigt sich aber im Exit-Verhalten:

Eindeutige Verluste an US-Käufer:

Listings im Ausland statt in Zürich:

Strukturell exponiert (noch unverkauft, aber mit dominierendem nicht-Schweizer Kapital):

Erfolgsanker, die geblieben sind:

Sonderfall Proton: Andy Yen hat sein Unternehmen 2024 in eine Non-Profit-Stiftungsstruktur überführt, explizit um Übernahmeresilienz herzustellen. Das ist eine gesellschaftsrechtliche Innovation, die rechtlich interessant ist und in der europäischen Souveränitätsdebatte zu wenig diskutiert wird. Hier liegt potenziell ein eigener Aufsatz.

V. Strukturelle Beobachtungen

Erstens: Die Auflistung zeigt, dass die Verluste sich nicht in einem Sektor konzentrieren – KI, Fintech, Mobility, Health-Tech, Robotik, AdTech, Cleantech sind gleichermaßen betroffen. Es ist keine Branchenfrage, sondern eine Kapitalmarktfrage.

Zweitens: Die meisten Übernahmen erfolgen nicht in Krisen, sondern auf dem Höhepunkt. Skype, Mojang, DeepMind, ARM, RIVR – alle wurden in Phasen technologischer und kommerzieller Stärke verkauft, oft weil der nächste Skalierungsschritt in Europa nicht finanzierbar war.

Drittens: Die Listing-Geographie ist verräterisch. Ein europäischer Unicorn, der in New York listet, ist juristisch noch europäisch, aber strategisch nicht mehr. Investorenstruktur, Governance-Erwartungen und Akquisitionslogik verlagern sich mit dem Listing-Standort.

Viertens: Die Schweiz ist trotz ihrer Innovationsdichte besonders exponiert, weil sie nicht in der EU-Kapitalmarktunion mitwirkt und weil der Schweizer Aktienmarkt für junge Tech-Unternehmen praktisch geschlossen ist. Der SIX hat – außer Logitech – kein einziges signifikantes Tech-Unternehmen.

Fünftens: Es gibt strukturelle Gegenmodelle (Adyen, Wise, Proton-Stiftung, ASML als Industrieinvestor), die unterstrukturell beforscht sind und Material für eigenständige Beiträge böten.


Stand: Mai 2026. Auswahl, nicht Vollständigkeit. Beträge sind Berichtswerte aus Pressemitteilungen und Investorenkommunikation, nicht testierte Bilanzgrößen.

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