Think Tank · Lange Linien · Teil II von V
Die Saatgutfresser
Ökonomisch-historische Vertiefung: Wie kann es sein, dass eine Volkswirtschaft, die nur durch staatliche Vorleistung entstehen konnte, sich heute entscheidet, genau diesen Staat zu demontieren? Vom Bericht Vannevar Bushs 1945 bis zur DOGE-Verfügung 2025.
Ökonomisch-historische Vertiefung · 20–25 Min Lesezeit
Eine kleine Geschichte der amerikanischen Vergessenheit und ihres europäischen Spiegels
I. Washington, Juli 1945
Es ist heiß in Washington, als Vannevar Bush seinem Präsidenten den Bericht übergibt. Roosevelt, der ihn 1944 in Auftrag gegeben hatte, ist im April gestorben; jetzt liegt das schmale Bändchen auf Trumans Schreibtisch. Es trägt einen Titel, der eher in eine Predigt als in eine Verwaltungsschrift gehört: Science: The Endless Frontier. Wissenschaft als endlose Grenze. Bush, Präsident der Carnegie Institution und Leiter des Office of Scientific Research and Development, ehemaliger Dekan der Ingenieurfakultät des MIT, wissenschaftspolitischer Architekt des Manhattan Project, Erfinder eines mechanischen Differentialanalysators, schreibt seinem Land einen Vertrag: Die Vereinigten Staaten werden eine wissenschaftliche Macht ersten Ranges werden, finanziert vom Bund, getragen von Universitäten, durchgeführt von Unternehmen. Der Krieg hat gezeigt, was möglich ist, wenn der Staat Forschung systematisch organisiert. Der Frieden, schreibt Bush, müsse das fortsetzen.
Es ist ein revolutionärer Vorschlag, weil er der amerikanischen Selbsterzählung widerspricht. Amerika versteht sich seit den Pilgervätern als ein Projekt der Aneignung gegen den Staat, nicht durch ihn. John Locke hatte Eigentum als Resultat individueller Bearbeitung des Naturraums gedacht, und der ganze Westen war so genommen worden – ein Stück Land nach dem anderen, durch Pflug, Zaun, Inbesitznahme. Wer sich in den 1850er Jahren von Missouri aus auf den Weg machte, tat es ohne den Staat und gegen ihn.
Aber der Krieg hat gezeigt, dass es so nicht weitergeht. Radar, Penicillin, Atomwaffe, Kryptographie – das alles ist nicht in einer Garage entstanden. Es ist in Universitäten entstanden, mit Bundesgeld, in geheimen Forschungsverbünden zwischen Berkeley und Los Alamos und Cambridge, Massachusetts. Bush, der als Direktor des OSRD diese Maschine geleitet hat, weiß das genauer als irgendwer sonst. Er hat sie organisiert. Und er weiß: Wenn sie im Frieden zerfällt, wird Amerika in der nächsten Auseinandersetzung verlieren.
Truman liest. Truman versteht. Aus dem Bericht wird die National Science Foundation, später die National Institutes of Health, später, nach dem Sputnik-Schock von 1957, die Defense Advanced Research Projects Agency, kurz DARPA. Aus DARPA wird, ein Jahrzehnt später, das ARPANET. Aus dem ARPANET wird das Internet. Aus dem Internet wird, wenn man es lange genug laufen lässt, ein Großteil des Wohlstands der westlichen Welt im 21. Jahrhundert.
Das ist die Saat. Der eigentliche Kern des Berichts — die argumentative Grundlegung, auf die alles Spätere zurückgeht — passt auf weniger als dreißig Seiten.
II. Was Amerika nicht erinnert
Jede Nation hat ein selektives Gedächtnis. Sie erinnert, was zur eigenen Selbsterzählung passt, und vergisst, was sie stört. Amerika erinnert die Pilgerväter, den Westen, den einsamen Erfinder, den Gründer in der Garage. Es vergisst Vannevar Bush.
Das ist keine Bösartigkeit. Es ist die Funktionsweise nationaler Mythen. Die calvinistische Tiefenstruktur der amerikanischen Religiosität verlangt, dass wirtschaftlicher Erfolg ein Hinweis auf individuelle Bewährung ist – nicht auf staatliche Vorleistung. Wenn Bill Gates aus dem Hochschulabbruch heraus Microsoft baut, dann ist das, in der amerikanischen Erzählung, sein Verdienst. Dass die Computerarchitektur, in der Microsoft operiert, von DARPA und IBM, also von Bundesgeldern und Großkonzern, vorgedacht ist, gehört nicht in die Erzählung. Dass die Sprache, in der DOS geschrieben wurde, an staatlich finanzierten Universitäten entwickelt wurde, fällt aus dem Bild. Dass das Internet, ohne das Microsoft heute irrelevant wäre, ein militärisch-akademisches Forschungsprodukt ist, kommt nicht vor.
Die Wirtschaftshistorikerin Mariana Mazzucato hat in The Entrepreneurial State von 2013 versucht, diese Vergessenheit aufzubrechen. Sie hat ein iPhone genommen und seine Komponenten einzeln zurückverfolgt. Touchscreen: DARPA. GPS: US-Verteidigungsministerium. Spracherkennung: DARPA. Zellulärer Funk: militärisch entwickelt. Internet: ARPANET. Lithium-Ionen-Batterie: Department of Energy. Die Liste hört nicht auf. Mazzucatos Punkt ist nicht, dass Apple keine Leistung erbracht hat. Apple hat ein außerordentliches Unternehmen aufgebaut. Aber das Unternehmen liegt auf einer Schicht öffentlicher Vorleistung, die erstens niemand bestreiten kann und zweitens niemand erinnert.
Steve Jobs ist der Mythos. Vannevar Bush ist der Vergessene. Das ist die amerikanische Konstellation — und sie hat den eigentümlichen Charme, ihre eigene Bedingungslosigkeit zum Selbstbild zu machen: Wer auf der Schulter eines Riesen steht, fühlt sich auf eigener Höhe.
III. Wie das Geld dahin kam
Die zweite, weniger sichtbare Schicht der amerikanischen Tech-Macht ist nicht die Forschung, sondern das Kapital. Auch hier hat sich Amerika eine Geschichte erzählt – die vom kühnen Wagniskapitalisten, der sein eigenes Geld riskiert –, die nur teilweise stimmt.
Tatsächlich liegt unter dem amerikanischen Wagniskapital seit den späten 1970er-Jahren eine staatlich gemachte Architektur. Der Employee Retirement Income Security Act von 1974, kurz ERISA, hat die betriebliche Altersvorsorge in den USA strukturell auf Aktien gestellt. Fünf Jahre später, 1979, hat das US-Arbeitsministerium die sogenannte prudent man rule neu interpretiert: Pensionsfonds dürfen seitdem in illiquide, riskante Anlageklassen investieren, wenn das im Rahmen einer diversifizierten Strategie geschieht. Das war eine bürokratische Auslegungsentscheidung, ein einzelner Federstrich. Aber er hat das amerikanische Pensionskapital für Wagnisinvestitionen geöffnet.
In den frühen 1980er-Jahren begann Calpers, das kalifornische Beamtenpensionssystem, in Silicon-Valley-Fonds zu investieren. Yale unter David Swensen entwickelte ab 1985 das Endowment Model, eine Allokationsstrategie, die illiquide Anlagen systematisch übergewichtete. Harvard, Princeton, Stanford folgten. Innerhalb von zwei Jahrzehnten waren die größten amerikanischen Universitätsstiftungen unter den wichtigsten Investoren der globalen Wagniskapitallandschaft. Calpers, ein staatlicher Pensionsfonds, hat in den 1990er-Jahren Sequoia mitfinanziert. Yale hat Andreessen Horowitz mitgetragen. Harvard war früher LP bei KKR und Bain Capital.
Das amerikanische Wagniskapital ist also ein zweifaches Staatsprodukt: Auf der Forschungsseite finanziert der Bund die Grundlagen; auf der Kapitalseite öffnen staatliche Pensions- und Universitätsstiftungsstrukturen die Schleusen für die privaten Fonds. Beides ist gemacht, nicht gewachsen. Beides ist Politik, nicht Schicksal.
Und beides wird in der Selbsterzählung nicht erwähnt.
IV. Was Europa erinnert
Während Vannevar Bush in Washington seinen Bericht übergibt, liegt Europa in Trümmern. Berlin ist eine Mondlandschaft. Warschau ist nicht mehr da. London hat den Blitz hinter sich, Coventry ist zerstört, Rotterdam, Köln, Dresden, Hamburg sind ausgebrannt. Die Berliner Börse, einst eine der größten der Welt, hat zwei Weltkriege, eine Hyperinflation und das nationalsozialistische Regime überstanden, aber der Krieg und die Teilung haben ihr den Hals gebrochen. Sie wird nie wieder das, was sie 1913 war.
Europäische Aktienkultur ist drei Mal vernichtet worden. 1914 verschlang der Krieg das Vertrauen, 1923 die deutsche Inflation das Geld, 1929 und 1931 die Weltwirtschaftskrise und der Zusammenbruch der Kreditanstalt das Bürgertum. Wer 1900 in Wien oder Berlin oder Frankfurt Aktien gekauft hatte, hatte bis 1948 dreimal alles verloren. Wer in den 1920er-Jahren im Deutschen Reich Anleihen gezeichnet hatte, hielt 1924 wertloses Papier. Eine ganze Generation hat eine einfache Lektion gelernt: Aktien sind, was du verlierst.
Die Sparkasse hingegen blieb. Die Sparkasse, das Sparbuch, der Bausparvertrag – das waren die Eigentumsmedien, die das deutsche Bürgertum nach 1945 wieder aufbaute. Das passt zu einer tieferen Schicht des kontinentaleuropäischen Eigentumsdenkens, das nicht aus Locke kommt, sondern aus dem römischen Recht und der ständischen Ordnung. Eigentum ist hier Bestand, nicht Aneignung. Vermögen ist, was man bewahrt, nicht was man vermehrt. Das BGB von 1900 und das schweizerische ZGB von 1907 kodifizieren diese Logik. Eugen Hubers Zivilgesetzbuch ist die Kodifikation einer Bauern- und Bürgergesellschaft, kein Wagniskapital-Handbuch.
Dazu kommt eine zweite Schicht, die für Deutschland besonders schwer wiegt. Nach 1945 hat das Land sich bewusst entschieden, ökonomische Stärke zu domestizieren. Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft, die paritätische Mitbestimmung, die Bundesbankunabhängigkeit, später die Maastricht-Stabilitätskriterien – alles Ausdruck eines Versprechens an die Welt und an sich selbst: Wir werden noch einmal stark werden, aber nicht hegemonial. Wir werden produzieren, aber nicht expandieren. Wir werden Kapital bilden, aber es nicht entgrenzen.
Frankreich hat einen anderen Weg gewählt – den der staatlichen Champions, der grandeur, der gezielten Industriepolitik –, aber auch dort blieb der Kapitalmarkt schmal und elitär. Italien hat nie eine breite Aktienkultur entwickelt. Die Schweiz hat eine vermögensverwaltende Banktradition kultiviert, die seit 200 Jahren auf Bewahrung statt auf Skalierung optimiert ist. Großbritannien war lange die Ausnahme, mit der City als angloamerikanischem Außenposten – und zahlt seit dem Brexit den Preis dafür, dieser Logik nicht mehr ganz angehören zu können.
Europa erinnert also etwas anderes als Amerika. Es erinnert den Verlust. Es erinnert den Krieg. Es erinnert, was passiert, wenn ökonomische Macht entgrenzt wird. Und es ist deshalb misstrauisch gegen den eigenen Reichtum, gegen den eigenen Aufstieg, gegen die eigene Aneignungsenergie.
Das ist eine Form von Reife. Aber es ist auch eine Form von Lähmung.
V. Die Heirat
Zwischen 1980 und 2000 vollzog sich in Amerika eine Heirat, die Europa nie geschlossen hat: die Verbindung zwischen staatlich finanzierter Wissenschaft und privat allokiertem Kapital. Stanford und Berkeley produzierten Doktoranden, deren Forschung von DARPA und der NSF bezahlt war. Sequoia und Kleiner Perkins finanzierten ihre Ausgründungen mit Geld, das aus Pensionsfonds und Universitätsstiftungen kam. Die Unternehmen verkauften Produkte, die auf staatlich entwickelten Standards liefen – TCP/IP, Unix, später das World Wide Web. Selbst wo die Vorleistung europäisch war – das Web entstand 1989 am CERN und wurde von Tim Berners-Lee 1993 lizenzfrei freigegeben –, absorbierte die amerikanische Maschine den Standard, ohne ihn als Schuld zu verbuchen.
Diese Architektur war einmalig. Kein anderes Land hat sie. Japan hatte den staatlichen Forschungsanteil, aber kein Wagniskapital. Deutschland hatte ein gutes Hochschulsystem, aber keinen Kapitalmarkt für Skalierung. Frankreich hatte Champions, aber keine Gründerszene. China sollte später vieles davon nachbauen, aber unter parteipolitischer Kontrolle. In Amerika konnten Forschung, Risikokapital, Universität, Bund, Konzern und Markt in einem einzigen, sich selbst verstärkenden System miteinander verzahnt werden. Steve Jobs war nicht nur Steve Jobs. Er war das sichtbare Ende einer fünfzigjährigen Maschine.
Diese Maschine war es, die in den 1990er- und 2000er-Jahren die globale Tech-Hegemonie der Vereinigten Staaten begründete. Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft, Netflix, Tesla – sie alle sind Kinder dieser Heirat. Ohne öffentliche Forschungsfinanzierung hätte keines dieser Unternehmen existieren können. Ohne pensionsgespeiste Wagniskapitalstrukturen hätte keines davon skalieren können. Ohne staatliche Standardsetzung hätte keines davon einen globalen Markt gehabt.
VI. Die Wendung
Es gibt einen Moment, an dem die amerikanische Maschine beginnt, gegen sich selbst zu arbeiten. Der Moment hat ein Datum, einen Ort und einen Satz: 20. Januar 1981, das Kapitol in Washington, Ronald Reagans Antrittsrede. In this present crisis, government is not the solution to our problem; government is the problem.
Es ist eine erstaunliche Aussage, denn 1981 ist die wissenschaftspolitische Architektur, die Bush angelegt hat, gerade auf ihrem Höhepunkt. DARPA finanziert das spätere Internet. NIH finanziert die molekulare Biologie, aus der die Biotech-Industrie hervorgehen wird. Das Department of Energy finanziert die Materialforschung, aus der die Lithium-Ionen-Batterie kommt. Reagan kürzt diese Programme nicht – er kann es nicht, weil sein eigenes Verteidigungsministerium sie braucht. Aber er ändert die Erzählung.
Reagans Rede ist nicht der Auslöser. Die Carter-Jahre hatten bereits dereguliert, der Volcker-Schock von 1979 die Geldpolitik gewendet, die prudent man rule das Pensionskapital für die Fonds geöffnet. Reagan ist die Kulmination, nicht der Beginn. Aber seine Rede ist der rhetorische Wendepunkt: der Moment, in dem die Erzählung sich offiziell von der Realität trennt und beide getrennte Häuser beziehen.
Was diese Wende war, lässt sich heute, mit den Verteilungsdaten von vierzig Jahren, auf ein Diagramm zurückführen. Branko Milanovic hat es in seiner Studie The Great Global Transformation von 2025 gezeichnet.
Die Wende ist auf ein einziges Jahr datierbar: 1979. Vor diesem Jahr funktionierte das amerikanische Wachstumsmodell distributionspolitisch progressiv — das Einkommen aller Perzentile wuchs, am stärksten unten. Seit diesem Jahr ist es flach geworden für neun von zehn Amerikanern, mit Wachstum nur noch im obersten Prozent. Das Jahr 1979 ist nicht zufällig auch das Jahr der prudent-man-Auslegung, durch die das Pensionskapital für die Wagniskapitalfonds geöffnet wurde. Die distributionspolitische und die kapitalarchitektonische Wende fallen zusammen. Reagans Rede vom Januar 1981 ist nicht ihr Beginn. Sie ist die Sprache, in der diese Wende politisch gehalten und kulturell akzeptiert wird.
Von 1981 an wird in Amerika ein Doppelleben geführt. Auf der Mythenseite ist der Staat der Feind, der Markt der Held, der Unternehmer der Erlöser. Auf der Realitätsseite läuft die staatliche Forschungsfinanzierung weiter, fließen die Pensionsgelder weiter in die Fonds, profitieren die Unternehmen weiter von einer öffentlichen Infrastruktur, die niemand nennt. Die beiden Seiten werden über vier Jahrzehnte zunehmend inkompatibel. Aber niemand spricht es aus, weil beide Seiten in der politischen Ökonomie funktionieren: die Republikaner brauchen den Anti-Staats-Mythos für ihre Wähler, die Demokraten brauchen die staatliche Forschung für ihre wissenschaftlichen Eliten, und Silicon Valley braucht beides – die Subvention und die Selbstinszenierung als heroisch unabhängig.
Es ist ein lang ausgehaltener Widerspruch. Eine Erzählung, die ihre eigene Voraussetzung nicht mehr sehen will.
VII. Der Erbe, der seinen Vater leugnet
Elon Musk wird 2002 amerikanischer Staatsbürger. Im selben Jahr gründet er SpaceX. Sechs Jahre später ist die Firma fast bankrott. Im Dezember 2008 vergibt die NASA einen Vertrag über 1,6 Milliarden Dollar an SpaceX für den kommerziellen Frachttransport zur Internationalen Raumstation. Der Vertrag rettet das Unternehmen.
Im Januar 2010 erhält Tesla, Musks zweite Firma, ein zinsgünstiges Darlehen über 465 Millionen Dollar vom Department of Energy aus dem Advanced Technology Vehicles Manufacturing Loan Program – einem Programm, das die Obama-Administration zur Förderung emissionsarmer Fahrzeuge aufgelegt hatte. Auch Ford und Nissan haben Darlehen erhalten, aber für Tesla ist es überlebenswichtig. Das Unternehmen stellt 2013 das Darlehen vorzeitig zurück und nutzt die mediale Geste des frühzeitigen Rückzahls, um seine Unabhängigkeit zu inszenieren. Aber ohne den Kredit, das wissen alle Beteiligten, hätte es Tesla 2010 nicht mehr gegeben.
SpaceX hat seit der Gründung Verträge mit der NASA und dem Pentagon im zweistelligen Milliardenbereich abgeschlossen. Starlink wird von der US-Regierung als kritische Infrastruktur eingestuft und subventioniert. Die Tesla-Werke in Nevada profitieren von Steuererleichterungen in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar. Die Solarsparte SolarCity wurde durch Investment Tax Credits gestützt.
Elon Musk ist, in jeder messbaren Hinsicht, ein Kind des amerikanischen Subventionsstaats. Sein Vermögen, sein Erfolg, seine Position in der Weltöffentlichkeit – nichts davon wäre ohne öffentliche Vorleistung möglich gewesen.
Im Februar 2025 steht er auf der Bühne der Conservative Political Action Conference in Maryland und schwingt eine Kettensäge. Es ist ein Geschenk des argentinischen Präsidenten Javier Milei, der mit dem Symbol der Kettensäge zur Demontage staatlicher Strukturen Wahlkampf gemacht hat. Musk hält sie über den Kopf. Die Halle jubelt. Er ruft: Chainsaw for bureaucracy!
Es ist die exakte Geste eines Sohnes, der seinen Vater erschlägt. Nur dass dieser Sohn nicht weiß, dass es sein Vater ist.
VIII. Die Saatgutfresser
Die Department of Government Efficiency, kurz DOGE, wird am 20. Januar 2025 durch Executive Order ins Leben gerufen, dem ersten Tag von Donald Trumps zweiter Amtszeit. Der Name ist ein Witz – er bezieht sich auf eine Memewährung, die Musk seit Jahren bewirbt. Aber die Behörde ist ernst gemeint. Sie soll, so die Verfügung, die Bundesverwaltung modernisieren und Verschwendung reduzieren. Musk wird informeller Leiter, formal Special Government Employee. Sein angekündigtes Ziel: zwei Billionen Dollar Einsparungen.
In den ersten vier Monaten werden Zehntausende Bundesbedienstete entlassen, viele in einem Verfahren, das später Gerichte beschäftigen wird. Forschungsprogramme an den NIH werden gekürzt. Auslandshilfen werden gestoppt – eine Schätzung der Brooke-Nichols-Studie der Boston University rechnet im Februar 2026 hoch, dass die Kürzungen der USAID-Programme bis dahin zu mehr als 780.000 Toten geführt haben dürften, vor allem Kinder im subsaharischen Afrika. Die Federal Aviation Administration verliert Personal in einer Phase, in der die Luftraumkontrolle bereits unterbesetzt ist. Die Internal Revenue Service wird um 40 Prozent reduziert; das Yale Budget Lab schätzt, dass dadurch über zehn Jahre 323 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen entgehen könnten. Die Partnership for Public Service rechnet in einem Modell vor, dass die DOGE-Maßnahmen am Ende mehr kosten als sie einsparen: 135 Milliarden Dollar an Übergangs- und Produktivitätskosten gegen 160 Milliarden Dollar an Einsparungen, die selbst von wohlwollenden Beobachtern teilweise angezweifelt werden.
Im Mai 2025 zieht sich Musk aus seiner formellen Rolle zurück. Im November 2025 erklärt das Office of Personnel Management, dass DOGE als Behörde de facto nicht mehr existiere. Die Aufgaben sind in die Ressorts dispergiert worden. Die Charta läuft formal bis zum 4. Juli 2026, dem 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit; Trump plant zur Feier des Datums eine Great American Fair.
Was sich in diesen Monaten vollzieht, ist nicht nur kulturelle Selbstvergessenheit. Es ist die Reaktion einer Hegemonialmacht auf eine strukturelle Verschiebung, die schon stattgefunden hat, bevor DOGE eingerichtet wurde.
Diese Verschiebung erklärt DOGE nicht. Sie macht aber begreiflicher, warum DOGE jetzt politisch wirksam werden konnte, was vor zwanzig Jahren nicht möglich gewesen wäre. Eine Hegemonialmacht im strukturellen Abstieg leistet sich politische Pathologien, die sie sich im Aufstieg nicht geleistet hätte. Das britische Empire der dreißiger Jahre hat seinen Imperial-Preference-Zoll erst eingeführt, nachdem es seine ökonomische Vorrangstellung schon verloren hatte. DOGE ist in dieser Lesart nicht nur Selbstvergessenheit. Es ist auch eine Selbstverletzungsreaktion auf eine Normalisierung, die schon stattgefunden hat — und die in der amerikanischen Selbstwahrnehmung noch nicht angekommen ist.
Was hat das Land getan? Es hat seine Wissenschaftsbürokratie geschwächt, die Vannevar Bush 1945 entworfen hatte. Es hat seine Steuerverwaltung geschwächt, die die Pensionsbildung erst ermöglicht. Es hat seine Bundesforschungsfinanzierung geschwächt, die die nächsten DeepMinds, OpenAIs und Modernas erst hervorbringen wird. Es hat, in der bäuerlichen Bildsprache, die einst zu Amerika passte, sein Saatgut gegessen.
Eine Republik, die ihr Saatgut isst, schmeckt für einen kurzen Moment voll. Aber sie wird nichts mehr aussäen. Und im nächsten Frühjahr wird sie hungrig sein.
IX. Warum es passieren konnte
Wie kann es sein, dass eine Volkswirtschaft, deren Existenz auf einer staatlichen Vorleistung beruht, sich für die Demontage genau dieses Staates entscheidet? Die Frage ist nicht leicht, aber sie hat eine Antwort.
Die Antwort liegt in der Lücke zwischen Realität und Erzählung, die Reagan 1981 endgültig institutionalisiert und die nie geschlossen worden ist. Vier Jahrzehnte lang konnte Amerika wirtschaftspolitisch das eine tun und kulturell das andere erzählen. Diese Doppelung war funktional, solange beide Seiten unausgesprochen blieben. Aber sie hat eine Generation von Multimilliardären hervorgebracht, die wirklich glaubt, was die Erzählung sagt – und die nicht mehr weiß, was die Realität tut.
Peter Thiel, der 1998 PayPal mitbegründete, ist ein Stipendiat von Stanford, einer Universität, die zu großen Teilen aus Bundesforschungsmitteln gewachsen ist. Er hält Wettbewerb für eine Schwäche und plädiert für Monopole. Er finanziert eine Stiftung, die Studenten für den Hochschulabbruch bezahlt. In seinem Buch Zero to One von 2014 formuliert er eine Philosophie der unbedingten Aneignung, die Locke gefallen hätte und Bush entsetzt hätte.
Marc Andreessen, der 1993 als Doktorand an einer öffentlichen Universität – University of Illinois Urbana-Champaign – mit Bundesgeld den ersten massentauglichen Webbrowser Mosaic entwickelte, veröffentlicht 2023 sein Techno-Optimist Manifesto. Darin steht, dass der Markt aller staatlichen Regulierung überlegen sei, dass Regulierung Tod sei, dass nichts wertvoller sei als das ungehemmte Wirken privater Energie. Mosaic, sein erstes Werk, ist die direkte Frucht staatlicher Forschungsförderung am National Center for Supercomputing Applications.
Elon Musk, dessen ganzes Imperium auf öffentlichen Verträgen ruht, wird der Mann mit der Kettensäge.
Diese drei Männer sind keine naiven Unwissenden. Sie kennen ihre Herkunft besser als jeder Kritiker. Andreessen weiß, was Mosaic dem National Center for Supercomputing Applications schuldet. Thiel weiß, was Stanford ist. Musk weiß, welche Verträge SpaceX 2008 gerettet haben. Aber sie haben gelernt, diese Kenntnis als unwesentlich zu behandeln – als historische Fußnote, als Verwaltungsdetail, als irrelevante Vorgeschichte ihrer eigentlichen Leistung. Das ist nicht Unwissenheit, sondern eine politische Operation: die aktive Desinvestition aus dem eigenen Gedächtnis. Es ist die härtere Form der Selbstvergessenheit, die gewählte. Sie sind soziologisch ein neuer Typus, den die ältere Klassenanalyse so nicht kannte. Milanovic beschreibt ihn in seiner Studie als Homoploutie, die Personalunion von Spitzen-Lohneinkommen und Spitzen-Kapitaleinkommen in derselben Person — nicht der Rentier des Kapitals, der nicht arbeitet, und auch nicht der hoch bezahlte Angestellte, der kein Kapital besitzt, sondern der Gründer-Manager-Eigentümer, dessen Vermögen in den Aktien des Unternehmens steckt, das er führt, und der sich selbst deshalb als Schöpfer beider Seiten seines Reichtums empfinden kann. Sie sind das Endprodukt einer vier Jahrzehnte gepflegten kulturellen Übung, das Erinnerte für unwichtig zu erklären.
Trump ist nicht die Ursache. Er ist das Symptom einer Republik, die ihr eigenes Gedächtnis verloren hat. DOGE ist nicht der Anfang. DOGE ist der Moment, in dem die Lücke zwischen Erzählung und Realität so groß geworden ist, dass die Erzählung anfängt, die Realität zu zerstören, ohne dass jemand es aufhalten kann.
X. Der europäische Spiegel
Es wäre tröstlich, wenn Europa diese Geschichte aus einer Position der Überlegenheit lesen könnte. Aber das ist nicht der Fall. Europa hat den umgekehrten Fehler gemacht.
Während Amerika eine Realität geschaffen hat, die es nicht erinnern wollte, hat Europa eine Erinnerung gepflegt, die es nicht in Realität umsetzen konnte. Europa erinnert die Verluste des 20. Jahrhunderts so präzise, dass es seit 1945 jeden Schritt der ökonomischen Selbstermächtigung skeptisch begleitet. Europa hat eine kollektive Vorsicht entwickelt, die in vielem klug ist – die europäische Sozialordnung, die rechtsstaatliche Bändigung des Marktes, die Skepsis gegen Hegemonie sind Errungenschaften, die der Kontinent gegen sein eigenes katastrophisches Erbe gewonnen hat. Aber diese Vorsicht hat einen Preis. Sie hat verhindert, dass Europa eine Maschine wie Vannevars baut.
Die Europäische Union finanziert Grundlagenforschung. Horizon Europe vergibt jährlich Milliarden. Es gibt das Max-Planck-Institut, das CERN, das EMBL, die ETH Zürich, die EPFL, das Karolinska Institutet. Die Forschung ist Weltklasse. Aber es gibt keine ERISA. Es gibt keine prudent man rule. Es gibt keine Yale-Endowment-Allokation. Es gibt keinen Kapitalmarkt, der das Forschungsergebnis in der nächsten Dekade in Skalierung übersetzt. Die europäische Pension ruht in deutschen Lebensversicherungen, schweizerischen Pensionskassen und italienischen Staatsanleihen. Sie liegt in Bilanzen, die nach Solvency II kapitalisiert sind, und Solvency II behandelt Wagniskapital als Risiko, nicht als Ressource.
Mistral wird von ASML rekapitalisiert, weil es keine europäische Series-D-Struktur gibt, die das Unternehmen tragen könnte. DeepMind ging an Google, weil Europa keine entsprechenden Investoren hatte. ARM ging an SoftBank, weil London 2016 keine Kapitalstruktur hatte, die das Unternehmen halten konnte. Das ist die europäische Lähmung.
Sie ist die Spiegelung der amerikanischen Vergessenheit. Amerika erinnert nicht, was es geschaffen hat. Europa hat nicht geschaffen, was es erinnern müsste.
XI. Was zu sagen wäre
Es gibt eine Wahrheit, die in beiden Räumen kaum gesagt wird. In Amerika wird sie nicht gesagt, weil sie der Selbsterzählung widerspricht. In Europa wird sie nicht gesagt, weil sie eine Selbstermächtigung verlangen würde, die der Kontinent sich nach 1945 nicht zugetraut hat.
Die Wahrheit ist: Wirtschaftliche Innovation in der Größenordnung, die das 21. Jahrhundert prägt, ist immer ein Produkt der Verzahnung von öffentlicher Vorleistung und privatem Risiko. Der Staat finanziert die Grundlagen, weil sich der Markt sie nicht leisten kann. Der Markt allokiert die Skalierung, weil der Staat sie nicht durchführen kann. Beide brauchen einander. Beide funktionieren ohne den anderen nicht. Diese Verzahnung wird gemacht, sie ist Politik, sie ist gestaltbar, sie kann gut oder schlecht sein. Aber ohne sie passiert nichts Großes mehr.
Wer Vannevars Erbe vernichtet, vernichtet seine eigene Zukunft. Das tun gerade die Vereinigten Staaten, in einem historischen Selbstmissverständnis, dessen Folgen wir noch nicht abschätzen können. Wer Vannevars Erbe nie bekommt, nie aufbaut, nie erprobt, nie politisch durchsetzt – der bleibt zuschauend stehen, während andere die Welt formen. Das tut Europa, in einer historisch begründeten Vorsicht, deren Preis es noch nicht zu zahlen bereit ist.
Beide Halbheiten sind keine Antworten. Die Antwort wäre, dass eine moderne Wirtschaft eine bewusste, erinnernde, gestaltende Allianz aus Staat, Wissenschaft, Kapital und Unternehmertum braucht. Amerika hatte sie und vergisst sie. Europa hat sie nie geschlossen.
Wer in den nächsten zwei Jahrzehnten die Geschichte schreibt, wird derjenige sein, der das versteht und ausspricht. Es wird nicht der mit der Kettensäge sein. Es wird auch nicht der mit dem Aktenzeichen sein. Es wird derjenige sein, der den Bericht von 1945 noch einmal liest – den Kerntext eines Manns, dessen Namen kaum jemand mehr kennt – und sich fragt, was eigentlich darin stand.
Science: The Endless Frontier. Wissenschaft als endlose Grenze. Es war eine Einladung. Sie steht noch – an alle, die wissen, was ein Saatgut ist.
Eine letzte Anmerkung. Was in diesen Jahren in Amerika geschieht, ist auf der einen Ebene Selbstdemontage einer Republik, die ihr Gedächtnis verloren hat. Es ist auf einer anderen Ebene die Verarbeitung einer strukturellen Normalisierung — das Ende einer Sonderstellung, die für niemand selbstverständlich gewesen sein sollte und es in Amerika doch war. Beide Ebenen wirken zusammen. Wer eine ohne die andere liest, sieht die halbe Sache. Die Einleitung zu dieser Reihe entwickelt diesen Doppelblick ausführlicher; hier reicht der Hinweis, dass die Saat, von der dieser Text spricht, in einer Welt aufgehen müsste, die nicht mehr die Welt von 1945 ist.
Nicole Battistini-Kohler · Mai 2026