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Wer besitzt das Internet – und was kann man dagegen tun?
Ein Überblick über Tech-Macht, Gegenbewegungen und die ehrliche Frage, ob das alles überhaupt etwas bringt.
Was dieses Material Ihnen gibt
Unterrichtsmaterial zu Tech-Monopolen – für Schulen und Weiterbildung.
Ein Überblick über Tech-Macht, Gegenbewegungen und die ehrliche Frage, ob das alles überhaupt etwas bringt
3 Mrd. WhatsApp-Nutzer:innen weltweit 90 % Europ. Cloud auf US-Servern 12× US vs. EU KI-Investment 2024
Stell dir vor, du bist abhängig – und weißt es nicht mal
Morgens aufwachen. Handy entsperren. Instagram, TikTok, WhatsApp, YouTube. Vielleicht noch schnell etwas googeln, einen Weg auf Maps checken, die Hausaufgaben in der Google-Docs-Datei fertigmachen. Bezahlen mit Apple Pay oder Google Pay. Das ist kein ungewöhnlicher Morgen. Das ist fast jeder Morgen.
Die unbequeme Frage
Wie viele verschiedene Unternehmen waren gerade an deinem Leben beteiligt? Fast ausschließlich amerikanische Tech-Konzerne. Google, Apple, Meta, Microsoft, Amazon. Fünf Unternehmen. Zusammen wert: mehr als sieben Billionen Euro. Mehr als das gesamte BIP Deutschlands, Frankreichs und Italiens zusammen. Das ist nicht schlimm, weil es amerikanisch ist. Das ist interessant, weil es so wenige sind.
[2] STRUKTURMacht hat drei Stockwerke
Um zu verstehen, warum Tech-Konzerne so mächtig sind, hilft ein einfaches Bild: ein Haus mit drei Stockwerken.
I– Infrastruktur (Erdgeschoss)
Die Chips in deinem Handy – produziert fast ausschließlich von einer einzigen Firma in Taiwan. Die riesigen Rechenzentren – betrieben von Amazon, Microsoft und Google. Die Unterseekabel – viele davon gehören denselben Konzernen. Man sieht sie nicht. Sie sind trotzdem überall.
II– Kapital (1. Stock)
Netzwerkeffekte: WhatsApp ist nicht deshalb dominant, weil es technisch besser wäre. Es ist dominant, weil alle anderen schon dort sind. Wer mehr Daten hat, baut bessere Produkte, die mehr Nutzer anziehen, die mehr Daten erzeugen. Eine Spirale.
III– Verhalten (2. Stock)
Was wir für normal halten, wie wir kommunizieren, was wir nicht mehr hinterfragen. Dass Instagram die Maßeinheit für soziale Anerkennung ist. Dass „googeln“ ein Verb ist.
Das Kernproblem
Gegenbewegungen greifen meistens nur den zweiten Stock an. Ändere dein Verhalten. Nutze andere Apps. Boykottiere Meta. Das ist nicht falsch. Es reicht nur nicht. Denn das Erdgeschoss bleibt, wie es ist.
[3] SYSTEMLOGIKWarum Widerstand meistens scheitert – und nicht weil er zu schwach ist
Das System besiegt Gegenbewegungen nicht durch brutale Unterdrückung. Es absorbiert sie. Es macht sie harmlos, indem es sie integriert.
Narrative Vereinnahmung
Apple hat Datenschutz zur Marke gemacht. „Privacy. That’s iPhone.“ Datenschutzkritik hat Apple ein Verkaufsargument verschafft, das Milliarden wert ist.
Regulatorische Absorption
2018 trat die DSGVO in Kraft. Wer hatte die Ressourcen, um komplizierte Datenschutzregeln umzusetzen? Große Konzerne mit ganzen Rechtsabteilungen. Die relative Marktposition von Google und Facebook hat sich danach verbessert – das Gegenteil der Absicht.
Open Source wird extrahiert
Linux ist kostenlos und von einer weltweiten Gemeinschaft entwickelt. Google, Amazon und Microsoft bauen ihre Rechenzentren darauf. Sie nutzen die Arbeit einer freiwilligen Community, bezahlen dafür nichts und verdienen damit Milliarden.
→ Signal läuft auf Amazon-Servern. Mozilla nimmt Google-Geld. Wer gegen Meta protestiert, tut das meistens auf Instagram.
Die Konsequenz
Die Infrastruktur der Gegenbewegung gehört dem Gegner. Es gibt schlicht keine vergleichbare unabhängige Alternative in ausreichender Größe. Was folgt daraus? Nicht, dass Widerstand sinnlos ist. Sondern dass er auf der richtigen Ebene ansetzen muss.
[4] INFRASTRUKTURDas Erdgeschoss: Worüber kaum geredet wird
Die öffentliche Debatte dreht sich fast ausschließlich um Apps, Algorithmen und Datenschutz. Was darunter liegt, ist fast unsichtbar – und damit schwerer anzugreifen.
Der entscheidende Unterschied
Man kann eine App regulieren. Man kann nicht so einfach eine alternative Halbleiterindustrie aufbauen. Das dauert Jahrzehnte und kostet hunderte Milliarden Euro. Die EU versucht es mit dem European Chips Act. Ob es gelingt, weiß niemand.
[5] KAPITALDas Geld, das das alles antreibt
Warum werden aus kleinen Startups immer wieder Monopole? Ist das Zufall? Böser Wille? Oder steckt eine Logik dahinter, die niemand gesteuert hat?
Wer eine neue App gründet, braucht Geld – und zwar viel Geld, schnell. Server, Programmiererinnen, Marketing kann niemand jahrelang aus eigener Tasche bezahlen. Also holt man Investoren. Die wichtigsten heißen Venture-Capital-Firmen, kurz VC. Sie geben Geld, wollen aber etwas Bestimmtes zurück.
Was wollen sie zurück? Nicht einfach Wachstum. Sie wollen exponentielles Wachstum – also nicht doppelt so groß wie letztes Jahr, sondern zehn-, hundert-, tausendmal so groß. Aus einer Million Nutzern müssen zehn Millionen werden, dann hundert Millionen, dann eine Milliarde. Und sie wollen ihr Geld irgendwann zurück. Im Fachjargon heißt das Exit: Entweder geht die Firma an die Börse, oder sie wird an einen größeren Konzern verkauft.
Was bedeutet das für die Gründerin? Selbst wenn sie die ehrlichsten Absichten hat – sobald sie VC-Geld nimmt, ist die Finanzierungsstruktur stärker als ihre Absicht. Die Investoren wollen nach ein paar Jahren ihr Vielfaches zurück; das geht nur, wenn die Firma den Markt dominiert oder von jemandem gekauft wird, der ihn dominieren will. Die Logik führt fast zwangsläufig zur Monopolisierung.
Instagram war eine unabhängige App mit 13 Mitarbeitern. Facebook kaufte es für eine Milliarde Dollar. WhatsApp hatte 55 Mitarbeiter, als Facebook es für 19 Milliarden kaufte. Das Kapital hatte keine andere Logik.
Es gibt Ausnahmen. Basecamp hat Risikokapital abgelehnt und ist seit zwanzig Jahren profitabel und unabhängig geblieben. Craigslist hat nie externe Investoren aufgenommen. Wikipedia ist eine Stiftung.
Was diese Ausnahmen gemeinsam haben: keine starken Netzwerkeffekte. Basecamp ist Software, die ein Team für sich allein nutzen kann. Craigslist funktioniert auch in einer Stadt, wenn nicht alle dort sind.
Die VC-Logik erzeugt nicht automatisch Monopole. Sie erzeugt sie fast zwangsläufig dort, wo Netzwerkeffekte existieren – also genau in den Märkten, die am wichtigsten sind: Kommunikation, soziale Netzwerke, Suchmaschinen, Zahlungssysteme.
[6] WAS WIRKTWas wirklich etwas verschiebt
Was wirklich etwas verändert, klingt meistens weniger nach Revolution als nach Verwaltungsrecht.
[7] GLOBALE PERSPEKTIVEDie Welt außerhalb Europas – und was sie über uns sagt
Europa reguliert. Das Problem: Regeln bauen keine Chips. Rund 90 % der europäischen Cloud-Infrastruktur läuft auf amerikanischen Servern. Europa ist der strengste Schiedsrichter der Welt in einem Spiel, das andere bauen und kontrollieren.
„Wessen Interessen definieren überhaupt, was ein Problem ist?“
Was du tun kannst – ehrlich gesagt
Was bist du bereit zu tauschen? Datenschutz kostet Convenience. Föderierte Systeme sind langsamer, manchmal kaputt. Signal kann nicht alles, was WhatsApp kann. Das ist kein Fehler der Alternativen – das ist der Preis dafür, nicht das Produkt zu sein.
Beschaffungsentscheidungen werden in Vergabeausschüssen getroffen, nicht auf Demonstrationen. Wer Zugang zu öffentlichen Institutionen hat, kann dort konkret fragen, welche Software beschafft wird und warum. Das ist Verwaltungsarbeit. Und sie verändert Marktstrukturen direkter als Boykotte.
Antitrust-Verfahren brauchen öffentliche Aufmerksamkeit. Die Remedy-Phase im Google-Verfahren entscheidet sich in den nächsten Jahren. Wer das verfolgt und darüber redet, ist Teil des politischen Drucks.
Für wen kämpfst du? Wer sich für Datenschutz einsetzt, kämpft meistens für sich selbst. Wer sich für die Arbeitsbedingungen von Content-Moderatoren in Kenia oder auf den Philippinen einsetzt, kämpft für jemand anderen. Beides ist legitim. Aber es ist nicht dasselbe.
Die eigentliche Unterscheidung
Die Frage, was du tun kannst, hat zwei verschiedene Antworten. Die persönliche und die politische. Sie sind nicht dasselbe. Die persönliche handelt von deinen Daten, deiner Privatsphäre. Die politische handelt von Strukturen, die auch für Menschen funktionieren müssen, die in 60 Ländern glaubten, „Free Basics“ sei das Internet.
Das sind keine technischen Fragen. Das sind politische. Politische Fragen werden nicht von Algorithmen beantwortet. Sie werden von Menschen beantwortet, die sich einigen – oder von Menschen, die sich nicht einigen und deshalb anderen das Einigen überlassen.
Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.
Es liegt in der Verfügung derjenigen, die diesen Text lesen — und derjenigen, die in Vergabeausschüssen, Schulen, Aufsichtsräten und Wahlkabinen entscheiden, was als selbstverständlich akzeptiert wird und was nicht.
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Alternativen, die es gibt
SearXNG statt Google – Metasuchmaschine ohne Tracking. searxng.org
Signal statt WhatsApp – E2E-verschlüsselt. Caveat: läuft auf Amazon-Servern.
Proton Mail statt Gmail – Verschlüsselt, Schweizer Recht. proton.me/mail
Nextcloud statt Google Drive – Selbsthostbar. Braucht jemanden, der es wartet.
Ehrlicher Hinweis: Viele laufen trotzdem auf kommerzieller Cloud-Infrastruktur. Das ist kein Argument gegen ihre Nutzung. Es ist ein Argument dafür, dass das Infrastrukturproblem noch nicht gelöst ist.
Wer besitzt das Internet – und was kann man dagegen tun? ·Teil der Trilogie: Gegenbewegungen gegen Tech-Monopole · Frei verwendbar, veränderbar und weiterzugeben.
Infrastruktur-Abhängigkeiten
Taiwan · TSMC
Eine einzige Fabrik stellt die Prozessoren her, ohne die keine moderne KI funktioniert, kein Smartphone, kein Rechenzentrum. Wenn diese Fabrik ausfiele, würde die gesamte globale Digitalwirtschaft innerhalb von Monaten zusammenbrechen. Das ist keine Hypothese – das ist die tatsächliche Struktur der Welt.
USA · NVIDIA
Die Chips für KI kommen von einem einzigen amerikanischen Unternehmen. Wer KI entwickeln will – in Europa, in China, in Indien – kauft bei NVIDIA ein. Chips sind zur geopolitischen Waffe geworden.
Unterseekabel
Viele wurden finanziert oder werden betrieben von Google, Meta und Microsoft. Das physische Rückgrat des Internets gehört denselben Konzernen, die auch die Inhalte darauf betreiben.
✦ Strukturell wirksam
- Produkthaftung – wenn eine Plattform für Schäden haftet, die ihr Design verursacht, ändert sich das Design. Nicht aus Überzeugung. Weil es teuer wird.
- Interoperabilität – DMA Art. 7: wenn du von einer anderen App aus mit deinen WhatsApp-Kontakten schreiben kannst, verliert WhatsApp seinen Lock-in-Mechanismus.
- Beschaffungspolitik – Staaten sind einer der größten Tech-Kunden der Welt. Open-Source-Pflicht in Behörden verändert Marktstrukturen. Leise, langsam, aber real.
- Antitrust – Google wurde 2024 in den USA schuldig gesprochen. Ob strukturelle Konsequenzen folgen, entscheidet sich gerade.
◎ Begrenzt wirksam
- Boykotte & Petitionen – #DeleteFacebook: Facebook hat danach Nutzer verloren, dann wieder gewonnen. Netzwerkeffekte sind stärker als individuelle Empörung.
- Bewusstseinsarbeit allein – Datenschutzkritik hat Apple nicht geschwächt. Sie hat Apple ein Marketingargument verschafft.
- Einzelstaatliche Regeln – global agierende Plattformen betreiben Regulierungsarbitrage und weichen auf freundlichere Jurisdiktionen aus.
Globale Perspektiven
Indien
UPI – ein staatliches, offenes Zahlungssystem. WhatsApp Pay darf es nutzen, aber besitzt es nicht. Fast 20 Milliarden Transaktionen pro Monat. Und gleichzeitig: Aadhaar, eine biometrische Datenbank mit über einer Milliarde Menschen. Finanzielle Inklusion und Massenüberwachung aus derselben Initiative.
Südkorea
2021 als erstes Land der Welt: Apple und Google verboten, Entwickler auf ihre eigenen Zahlungssysteme zu zwingen. Ein einziges Gesetz, ein klarer politischer Wille. Provisionen sinken, Markt öffnet sich.
Globaler Süden
In über 60 Ländern hat Meta „Free Basics“ angeboten – kein echtes Internet, sondern ein Meta-kuratiertes Netz. Content-Moderation passiert zu erheblichen Teilen in Kenia, auf den Philippinen, in Indien – für Stundenlöhne, die hier niemand akzeptieren würde. Was aus europäischer Sicht Wettbewerbspolitik ist, ist aus der Perspektive des Globalen Südens Extraktivismus.
Die persönliche Antwort
Wechsel, was du wechseln kannst, ohne dein soziales Leben zu beschädigen. Jede Alternative, die du nutzt, beweist, dass sie existiert.
- SearXNG statt Google
- Signal statt WhatsApp
- Proton Mail statt Gmail
- Nextcloud statt Google Drive
Die politische Antwort
Versteh, welche Hebel wirklich etwas verändern – und unterstütze die Menschen, die sie bedienen. The Markup, netzpolitik.org und AlgorithmWatch machen Regulierung erst politisch möglich. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte führt strategische Klagen.
Ressourcen
Medien
- netzpolitik.org – Digitalpolitik auf Deutsch, kritisch
- The Markup – Datenjournalismus über Algorithmen
- AlgorithmWatch – automatisierte Entscheidungen
- Wired – KI, Arbeit, Infrastruktur, international
Organisationen
- GFF – strategische Klagen im digitalen Raum
- Chaos Computer Club – Technik für alle erklären
- epicenter.works – Grundrechte im Digitalen
- Access Now – digitale Rechte, Global South
Laufende Verfahren
- DOJ vs. Google – schuldig 2024, Remedy-Phase läuft
- EU vs. Meta (DMA) – laufend, Compliance-Theater?
- NYT vs. OpenAI – Urheberrecht und KI-Training