Swiss Room · Leitfaden 5 von 15
Praxisleitfaden für Schweizer KMU
Was dieser Leitfaden Ihnen gibt
Datenzugangsrechte · Vertragsrealität · Geschäftsgeheimnisse · Branchenprofile
Diese Leitfadenreihe ist aus einer spezifischen Perspektive heraus geschrieben: der einer General Counsel / Senior Vice President, die über viele Jahre in leitender Inhouse-Funktion in regulierten Unternehmen gearbeitet hat – in der Schweiz und in der EU. Die Autorin verfügt über eine juristische und betriebswirtschaftliche Ausbildung in der Schweiz und in Deutschland sowie über langjährige operative Erfahrung als interne Rechts- und Compliance-Verantwortliche in internationalen Konzernen und KMU-Umfeldern.
Diese Kombination – juristische Tiefe, operatives Management-Know-how und direkte Erfahrung mit den Realitäten von Lieferketten, Vertragsverhandlungen und Aufsichtsbehörden – ist der Grund, warum die Texte so geschrieben sind, wie sie sind: nicht als formale Gesetzeskommentare, sondern als Arbeitsinstrumente. Sie richten sich gleichzeitig an Führungskräfte, die schnell einordnen müssen, was eine Regulierung für ihr Unternehmen bedeutet, und an Fachabteilungen, die wissen müssen, was operativ zu tun ist.
Der interdisziplinäre Ansatz ist bewusst: Digitale Regulierung berührt gleichzeitig IT, Recht, Procurement, Geschäftsführung, HR und Lieferkette. Eine Perspektive, die nur eine dieser Dimensionen kennt, liefert unvollständige Antworten. Die Leitfäden versuchen, alle relevanten Dimensionen gleichzeitig zu adressieren – mit dem Bewusstsein, dass in der Praxis selten ein Team allein zuständig ist und die wirklichen Herausforderungen meistens an den Schnittstellen entstehen.
Die Perspektive «Schweizer KMU im EU-Kontext» ist nicht zufällig. Sie spiegelt langjährige Arbeit an der Schnittstelle zwischen Schweizer Geschäftspraxis und europäischem Regulierungsrahmen: die Erfahrung, was es konkret bedeutet, wenn ein EU-Kundenvertrag plötzlich DORA-Klauseln enthält, wenn ein Procurement-Fragebogen AI-Act-Anforderungen stellt oder wenn ein Lieferant keine NIS2-konformen Sicherheitsnachweise liefern kann. Diese Leitfäden sind aus genau diesen Situationen heraus entstanden – nicht aus dem Lesen von Gesetzestexten, sondern aus der Erfahrung ihrer Auswirkungen.
Der Data Act (seit September 2025 wirksam) ist kein Sicherheits- oder KI-Regulierungsrahmen. Er ist ein Datenwirtschaftsgesetz: Er bestimmt, wer auf welche Daten zugreifen darf, zu welchen Bedingungen, und wie Macht über Daten in Wertschöpfungsketten verteilt wird.
Für Schweizer KMU ist das auf den ersten Blick abstrakt. In der Praxis bedeutet es: Ihre Kunden bekommen neue Rechte auf Daten, die Ihre Produkte erzeugen. Und Ihre eigenen Rechte gegenüber Plattformen und Cloud-Anbietern werden stärker.
Der Data Act hat mehrere Anwendungsbereiche. Bevor Sie weiterlesen, klären Sie, welcher auf Sie zutrifft.
| Data Act regelt | Data Act regelt NICHT |
|---|---|
| Datenzugang für Nutzer auf Daten ihrer Geräte und Dienste | Datenschutz personenbezogener Daten (das bleibt GDPR) |
| B2B-Datenteilung zu fairen Bedingungen | Geistiges Eigentum an Daten (Rohdaten sind nicht urheberrechtlich geschützt) |
| Cloud-Switching und Portabilität | Datensicherheit (das ist NIS2/DORA) |
| Staatlicher Datenzugang in Krisensituationen | Wettbewerbsrecht bei Datenmissbrauch (das ist DMA) |
| Schutz von Geschäftsgeheimnissen bei erzwungener Datenteilung | Verarbeitungspflichten – der Data Act gibt Zugangsrechte, kein Recht auf Verarbeitung |
Wenn Ihr Produkt Daten über seine Nutzung erzeugt, hat der Nutzer – Konsument oder Unternehmen – ein Recht auf Zugang zu diesen Daten. Das ist keine Kann-Bestimmung.
Was Sie technisch implementieren müssen:
API oder Schnittstelle: Der Datenzugang muss programmatisch möglich sein. Eine manuelle Datenexport-Funktion reicht für industrielle Produkte nicht.
Datenformat: Strukturiert und maschinenlesbar (JSON, CSV, standardisierte Formate). Proprietäre Formate sind problematisch.
Echtzeit-Fähigkeit: Für industrielle Geräte erwartet der Data Act Echtzeit- oder Nahezeit-Zugang. Tagesexporte sind kein Echtzeit.
Transparenz: Nutzer müssen bei Produktkauf informiert werden, welche Daten erzeugt werden und wie sie darauf zugreifen können.
Wenn Ihr digitaler Dienst Daten erzeugt, die mit einem vernetzten Gerät zusammenhängen, gelten dieselben Datenzugangsrechte wie für den Gerätehersteller. Das betrifft insbesondere Cloud-Backends, Apps und Analyseplattformen.
Nutzungsdaten Ihrer App oder Ihres Services: Wenn ein Nutzer Ihre Software auf seinem Gerät betreibt und Daten entstehen, die seinen Betrieb beschreiben, hat er darauf Zugangsrecht.
Weiterleitung an Dritte: Der Nutzer darf die Daten an Wettbewerber Ihrer Dienstleistung weitergeben. Sie dürfen das nicht vertraglich verbieten.
Keine Zweckbindung gegen den Nutzer: Sie dürfen die Daten nicht so einsetzen, dass sie den Nutzer benachteiligen oder seine Wechselentscheidung beeinflussen.
Der Data Act verpflichtet Cloud-Anbieter, Anbieterwechsel zu erleichtern. Das ist direkt relevant für Schweizer Cloud- und SaaS-Anbieter mit EU-Kunden.
| Pflicht | Was das bedeutet | Frist |
|---|---|---|
| Switching-Unterstützung | Sie müssen einen Anbieterwechsel aktiv unterstützen, nicht nur dulden | 30 Tage für Datentransfer nach Kündigung |
| Keine finanziellen Hürden | Ab September 2027: keine Switching-Gebühren mehr erlaubt | Übergangsphase bis 2027 |
| Datenportabilität | Alle Kundendaten in einem standardisierten, exportierbaren Format bereitstellen | Bei Kündigung sofort |
| Interoperabilität | Technische Schnittstellen für den Datentransfer zu anderen Anbietern | Laufend |
| Transparenz zu Kosten | Vollständige Preistransparenz, keine versteckten Wechselgebühren | Sofort |
Wenn Sie Daten von EU-Partnern empfangen, die diese auf Basis des Data Acts mit Ihnen teilen müssen, gelten für Sie als Empfänger ebenfalls Regeln.
Faire Bedingungen: Sie dürfen die Daten nur für den vereinbarten Zweck nutzen.
Keine Weitergabe ohne Zustimmung: Empfangene Daten dürfen nicht ohne Genehmigung an Dritte weitergegeben werden.
Geschäftsgeheimnisse schützen: Sie müssen technische Maßnahmen ergreifen, um Geschäftsgeheimnisse des Datenlieferanten zu schützen.
Keine Nutzung zur Konkurrenz: Empfangene Daten dürfen nicht genutzt werden, um direkt mit dem Datenlieferanten zu konkurrieren.
Dieser Abschnitt ist der meistübersehene Teil des Data Acts: Er gibt Schweizer KMU nicht nur Pflichten, sondern auch neue Rechte – insbesondere gegenüber großen Plattformen und Cloud-Anbietern.
| Ihr Recht | Wer es schuldet | Wie Sie es einfordern |
|---|---|---|
| Zugang zu Daten, die Ihre Produkte auf Plattformen erzeugen | Plattformbetreiber | Schriftliche Anfrage mit Verweis auf Data Act Art. 4ff. |
| Switching ohne übermässige Kosten | Cloud- und SaaS-Anbieter | Vertragsklausel prüfen; ab 2027 gesetzlicher Anspruch |
| Faire und nicht-diskriminierende Datenteilungsbedingungen | Jeder, der Ihnen Datenzugang verweigert oder zu überhöhten Preisen verlangt | Beschwerde bei nationaler Datenbehörde |
| Schutz Ihrer Geschäftsgeheimnisse bei erzwungener Datenteilung | Der Datenempfänger | Vertragliche Geheimhaltungsklauseln + technische Maßnahmen verlangen |
Der häufigste Fehler: KMU behandeln den Data Act wie einen Datenschutzrahmen. Das ist falsch. Der Data Act regelt wirtschaftliche Datenzugangsrechte – auch für Maschinen- und Betriebsdaten, die keine personenbezogenen Daten sind. GDPR-Compliance schützt Sie nicht vor Data-Act-Pflichten.
'Wir bauen eine API' – und dann ist die Compliance-Abteilung entlassen. Der Data Act ist aber auch eine Geschäftsmodell-Frage: Wer hat Zugang zu den Daten, die Ihre Produkte erzeugen? Könnten Kunden diese Daten nutzen, um Ihre Dienstleistung durch einen Wettbewerber zu ersetzen? Das ist kein Bug des Data Acts, das ist seine Absicht.
Der Data Act erlaubt es Unternehmen, Datenzugangsanfragen abzulehnen oder einzuschränken, wenn Geschäftsgeheimnisse betroffen sind – aber nur wenn diese Geheimnisse auch nachweisbar geschützt wurden. Wer keine technischen und organisatorischen Maßnahmen zum Schutz seiner Geheimnisse implementiert hat, verliert diese Schutzposition.
Viele bestehende Cloud-Verträge enthalten Klauseln, die mit dem Data Act nicht vereinbar sind – insbesondere zu Dateneigentum, Portabilität und Wechselgebühren. Diese Verträge müssen aktiv überprüft und angepasst werden. Warten auf Vertragsablauf ist eine Strategie, aber keine gute.
Der Data Act erlaubt Behörden in bestimmten Situationen (Krisensituationen, öffentliches Interesse), Datenzugang von Unternehmen zu verlangen. Das wird selten diskutiert, aber es ist relevant für Unternehmen in kritischen Sektoren. Wer darauf nicht vorbereitet ist, hat im Krisenfall keine geordneten Prozesse.
| Data-Act-Rolle | Hersteller vernetzter Produkte + verbundener Dienstleister (Cloud-Backend) |
|---|---|
| Was Kunden verlangen | Echtzeit-Datenzugang auf Betriebsdaten ihrer Maschine, API-Zugang, Recht auf Weiterleitung an Drittdienste |
| Ihr Risiko | Kunden können Wartungs- und Optimierungsdaten an Wettbewerber Ihrer Service-Sparte weiterleiten. Das ist rechtlich zulässig. |
| Priorität jetzt | API für Kundendaten-Zugang implementieren, Geschäftsgeheimnisschutz dokumentieren, Servicemodell-Strategie überprüfen |
| Typisches Problem | Daten, die bisher exklusiv für Ihre Predictive-Maintenance-Dienste genutzt wurden, müssen nun auch für Kunden-eigene Analysen verfügbar sein. |
| Data-Act-Rolle | Verbundener Dienstleister + möglicherweise Cloud-Anbieter |
|---|---|
| Was Kunden verlangen | Export aller Nutzungsdaten, Switching-Unterstützung, keine Lock-in-Gebühren |
| Ihr Risiko | Kunden können Datenzugang und Portabilität als Verhandlungshebel nutzen. Wer keinen einfachen Exit bietet, verliert Deals. |
| Priorität jetzt | Datenexport-Funktion implementieren, Offboarding-Prozess dokumentieren, Vertragsklauseln zu Dateneigentum bereinigen |
| Chance | Einfaches Switching ist ein Differenzierungsmerkmal. 'Daten gehören immer dem Kunden' als Verkaufsargument positionieren. |
| Data-Act-Rolle | Hersteller vernetzter Produkte |
|---|---|
| Was Kunden verlangen | Zugang zu Felddaten, Maschinendaten, Ertragsdaten in standardisierten Formaten |
| Ihr Risiko | Farmer können Daten an Agrarplattformen und Beratungsdienste weiterleiten. Ihr exklusives Datenmodell bricht auf. |
| Priorität jetzt | Datenformat-Standardisierung (ISOBUS, FMIS-Standards), API-Dokumentation, Geschäftsgeheimnisschutz für Algorithmen |
| Chance | Interoperabilität mit EU-Agrarplattformen als Marktzugangsvorteil nutzen. Offene Schnittstellen als Standardangebot positionieren. |
| Data-Act-Rolle | Hersteller + möglicherweise B2G-Datenpflichten |
|---|---|
| Was Kunden verlangen | Echtzeit-Energiedaten, Gerätebetriebsdaten, Interoperabilität mit Smart-Grid-Systemen |
| Besonderes Risiko | B2G: In Energiekrisen kann die EU-Kommission oder nationale Behörde Datenzugang verlangen. Ohne Prozess entsteht Chaos. |
| Priorität jetzt | Smart-Meter-Datenzugangsprozesse implementieren, B2G-Szenario durchdenken, Interoperabilität mit EU-Energieplattformen sicherstellen |
| Regulatorischer Kontext | Data Act ergänzt EU-Energierecht und Smart-Metering-Vorgaben. Doppelte Prüfung empfohlen. |
| Thema | Data Act | GDPR | AI Act / NIS2 |
|---|---|---|---|
| Was geregelt wird | Datenzugangsrechte, Datenwirtschaft | Schutz personenbezogener Daten | KI-Sicherheit / Cyber-Resilienz |
| Gilt für | Alle Daten aus vernetzten Produkten/Diensten | Personenbezogene Daten | KI-Systeme / kritische Infrastrukturen |
| Überschneidung | Wenn Gerätedaten personenbezogen sind: beide gelten | Data Act schafft keine GDPR-Ausnahmen | Logging und Dokumentation für alle drei |
| Priorität | Datenzugangsrechte sind neu und aktiv umzusetzen | GDPR-Compliance bleibt unverändert Pflicht | Separate Compliance-Pfade, aber gemeinsame Dokumentation möglich |
| Prio | Maßnahme | Warum jetzt |
|---|---|---|
| 1 | Daten-Inventar für alle vernetzten Produkte und Dienste erstellen | Grundlage für alle weiteren Maßnahmen. Ohne Inventar weiss niemand, was betroffen ist. |
| 2 | Bestehende Produktverträge auf Data-Act-Konformität prüfen | Klauseln zu Dateneigentum, die Kundenrechte einschränken, sind nichtig – und schaden dem Vertrauen. |
| 3 | API-Zugang für Kundendaten implementieren oder planen | Echtzeit-Datenzugang ist Pflicht für Hersteller vernetzter Produkte. |
| 4 | Cloud-Verträge auf Switching-Klauseln prüfen | Ab 2027 sind Wechselgebühren verboten. Wer jetzt verhandelt, ist im Vorteil. |
| 5 | Geschäftsgeheimnisse identifizieren und Schutz dokumentieren | Nur dokumentierte Geheimnisse sind beim erzwungenen Datenzugang geschützt. |
| 6 | Produktstrategie auf Datenzugang ausrichten | Das ist die strategische Frage: Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus, wenn Kunden Daten frei weitergeben können? |
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